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Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, No. 92

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Zeitschrift des Monats  

Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, No. 92


100 Jahre Menschheitsdämmerung. Und jetzt?


„Statt vieler schöner Lyrikbücher, die sowieso keiner kauft, braucht man jetzt nur einen Band zu kaufen. Wie bequem! Man findet bei Pinthus alles, was man auch sonst schon gefunden. Wie bequem!“ Mit solchen Schlagzeilen begann im Winter 1919 die Erfolgsgeschichte der berühmtesten Gedichtsammlung des 20. Jahrhunderts. Das große Feuerwerk des Expressionismus, das der Journalist und Filmtheoretiker Kurt Pinthus unter dem Titel Menschheitsdämmerung vorgelegt hatte, wurde zur repräsentativen Sammlung der lyrischen Moderne erhoben - trotz eklatanter Mängel. Bereits kurz nach ihrem Erscheinen galt Pinthus´ „Symphonie jüngster Dichtung“ als „die beste und wertvollste Kundgebung gegenwärtigen Dichtens“ – ein literarischer Kanon, der seine Wirkungsmacht auch gegen harsche Kritik behaupten konnte. Aber so mancher Jubelschrei erwies sich als vergiftetes Lob. „Wie bequem!“, hatte bereits 1920 der Rezensent Alfred Günther moniert. Und traf damit Pinthus´ Arbeit im Kern:  Denn jeder Anthologist arbeitet (freiwillig oder unfreiwillig) daran, eine überaus differenzierte Artenvielfalt portionengerecht zuzubereiten, oder – mit Gottfried Benn gesprochen: „keiner soll mehr an einer selbstbestellten und selbstbeurteilten Hauptnahrung herumkauen müssen, (…) also: kleine Bissen, vorgekaut, weichgekocht – und damit sind wir bei den lyrischen Anthologien.“
    Den unaufhaltsamen Siegeszug der Menschheitsdämmerung haben ihre Kritiker indes nicht aufhalten können. Bereits nach zwei Jahren waren 20.000 Exemplare verkauft, und mittlerweile hat das Werk die für eine Anthologie sensationelle Auflage von 164.000 Stück erreicht.
    Zum 100. Geburtstag hat nun das aktuelle Schreibheft (Nr. 92), seit vielen Jahren die inspirierteste Literaturzeitschrift im deutschsprachigen Raum, den Mythos Menschheits-dämmerung gründlich seziert. Unter der Regie von Konstantin Ames haben fünfzehn lyrische Zeitgenossen eine kritische Tiefbohrung in jeweils einem exemplarischen Gedicht der Menschheitsdämmerung unternommen. Mit erhellenden Ergebnissen, einige analytische Déjà-vus eingeschlossen.

In seinem Einleitungsessay moniert Konstantin Ames die „wirkungsgeschichtlichen Verzerrungen“, die durch die affirmative Tradierung der Menschheitsdämmerung entstan-den sind. Tatsächlich hat Pinthus ja vor allem den „messianischen Expressionismus“ mit seinem „O Mensch“-Pathos bedient. Ames verweist hier auf die grimmigen Invektiven Kurt Hillers, der im Rückblick einige von Pinthus favorisierte Autoren (August Stramm, Jakob van Hoddis) übel disqualifizierte. Und auch die Auslassungen, die Pinthus zu verantworten hat, sind schmerzhaft: Denn es fehlen in der Menschheitsdämmerung nicht nur so substantielle Dichter wie der fabelhafte Ernst Blass und der ironische Sprachspieler Ferdinand Hardekopf, sondern auch Emmy Hennings, die Mitbegründerin des Cabaret Voltaire und Sängerin der existenziellen Verlorenheit.

Das größte Vergnügen bereiten im Schreibheft indes die Wiederentdeckungen einiger massiv unterschätzter Menschheitsdämmerung-Autoren. Eine Lektion in akribischer Philologie liefert etwa Michael Lentz ab, der die „Wortkunst“-Poetik August Stramms als Strategie zur Erlangung einer „gesteigerten Seinserfahrung“ dechiffriert. Michael Krüger widmet sich dem Fundamentalpazifisten Karl Otten, der entgegen seiner anarchistischen Passionen eins seiner Gedichte mit dem seltsam frömmelnden Titel „Thronerhebung des Herzens“ versah. Mara Genschel besichtigt die „Splattermotive“ in Georg Heyms „Der Gott der Stadt“ und zitiert noch ein paar herbe Impressionen: „eher Metzgergeselle als Ästhet“ oder: „Am besten könnte er arbeiten nach einem tüchtigen Beefsteak“. Ein Exerzitium in literaturkritischer Ambivalenz wird an dem politisch wie poetisch prekären Dichter Johannes R. Becher vorgeführt. „Wir fühlten uns wie Menschen am ersten geschichtlichen Schöpfungstag“, so schwärmte Becher noch 1957 als Kulturminister der DDR von den acht Versen in Jakob van Hoddis´ epochalem Gedicht „Weltende“: „o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit…“. Dass sich diese innere „Verwandlung“ in J.R. Becher wirklich vollzogen haben könnte, wird von Marcel Beyer im fulminantesten „Schreibheft“-Beitrag vehement bestritten. Der Dichter Johannes R. Becher, der sich zuerst als Mörder seiner Geliebten und als großer Morphinist in die Literaturgeschichte verewigte, hat auch als expressionistischer Dichter – so Beyer – wenig vorzuweisen: „Atmen hat er nie gelernt. Hier wird immer gebrüllt.“ – „Kleindeutscher Muff in hohem Ton.“ – „Ein Chorknabe mit Schillerkragen, der hinter seinem Rücken einen Dolch verbirgt.“ Die Liste der Verdikte ist lang. Dennoch: Die Menschheitsdämmerung war ein Türöffner für die literarischen Avantgarden jedweder Provenienz. Und sie bleibt Pflichtlektüre.
Michael Braun


Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, No. 92.
Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen. 192 Seiten, 15 Euro.
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