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Rolf Steiner: Der Holunderkönig

Rezensionen


Mario Osterland

Wenig königlich
 
Rolf Steiners Annäherungsbericht an Peter Handke


Von einem der auszog... heißt es im Untertitel von Rolf Steiners Holunderkönig und allein das hätte Vorwarnung genug sein müssen. Doch wenn ein Buch über Peter Handke einen so prominenten Fürsprecher wie Michael Krüger hat, sollte man ihm eine Chance geben. Immerhin sind beide durch ihre jahrelange gemeinsame Arbeit am Petrarca-Preis eng miteinander verbunden. Und eigentlich ist die Idee der suchenden Annäherung an einen der interessantesten Schriftsteller nach 1945 nur folgerichtig, wenn man bedenkt, dass Handkes Gesamtwerk ein Forschen, eine Suchbewegung beschreibt. Warum also nicht „ausziehen“ und den Orten seiner Bücher, die auch Orte seiner Biografie sind, nachspüren – der Atmosphären, der Stimmungen oder einfach nur des Unterwegsseins wegen. Man könnte von „Literatourismus“ sprechen. Dagegen ist nichts einzuwenden, allenfalls gegen das Wort.

Rolf Steiner hat das aber nicht gemacht. Der Kölner Künstler und Schriftsteller ist nicht einfach nach Düsseldorf, Salzburg oder Serbien gefahren, um einige Handke-Orte zu erkunden. Er fuhr 2006 nach Chaville, direkt in die Niemandsbucht, um Handkes Wohnhaus ausfindig zu machen, besser noch Handke selbst ausfindig zu machen. Um ihm was mitzuteilen? Das weiß Steiner selbst nicht genau. Und die Chaviller wissen nichts von dem berühmten Schriftsteller in ihrer kleinen Vorstadt, also fährt Steiner nach einem Tag des Umherlaufens zurück in die Metropole Paris.
    Er schreibt einen Text über diesen Tag, nennt ihn Der Holunderkönig und stellt das Manuskript um den Jahreswechsel 2006/07 hinter Handkes Gartentor. Bei einem zweiten Ausflug nach Chaville hat er das Haus mithilfe einer Freundin doch noch ausfindig gemacht. Handke war allerdings nicht zu Hause.

Schon diese ersten beiden Abschnitte des episodischen Annäherungsberichtes sind leider nur recht schwer zu ertragen. Man fragt sich unweigerlich – wozu das alles? Und: wozu dieses Buch? Will man von einem Handke-Verehrer nicht, wenn überhaupt, einen gescheiten Essay über dessen Werk lesen? Will man nicht etwas lesen, dass dem Kern dieses Werkes, nämlich Handkes unvergleichlicher Sprache, würdig ist? Will man vom Menschen Peter Handke, wenn überhaupt, nicht etwas erfahren, das mit seiner Arbeitsweise zu tun hat; etwas, das man noch nicht aus Interviews und Dokumentationen wusste?
    Nichts von alledem kann Steiners Buch dem Leser geben. Statt einen Einblick in eine tiefe Leseerfahrung, ja ein Leseerlebnis zu bekommen, bekommt man von Steiner leider nur die Langeweile weitergereicht, die der Ort Chaville an jeder Ecke auszustrahlen scheint. Der Erkenntniswert des Buches geht gegen null, auch weil Handke darin über weite Strecken nur eine Statistenrolle für die Beschreibungen und Pseudoreflexionen eines ziemlich prätentiösen Erzählers mit fragwürdigem Sendungsbewusstsein innehat. Er, Steiner, dessen Art es noch nie war, „die Hände in den Schoß [zu] legen“, dessen Leitspruch „seit je“ es ist, „das Unmögliche möglich [zu] machen“, kehrt ein ums andere Mal ein, in die Cafés und Brasserien Chavilles, nach Handke spähend und um „dem Schicksal eine Möglichkeit der Zusammenführung einzuräumen“. Und da Handke – natürlich – nicht auftaucht, imaginiert Steiner sich kurzerhand einen Begleiter an seinen Tisch, um im dialogischen Selbstgespräch zu sinnieren. Puh.
    Nicht dass all das, die Reise, die Cafés, die Selbstgespräche nicht vollkommen legitim wären. Warum und wozu das alles jedoch Text geworden ist, erschließt sich dem Leser nicht. Neben den vielen Nicht-Geschehnissen auf der Suche nach Handke findet vor allem keine Sprache als Ereignis statt. Spröde, uninspiriert, flach abbildend, nicht einmal – und zum Glück nicht! – Handke in seinem Stil kopierend, sagt Steiner auf, was er sieht und denkt und das liest sich dann so:

„Also: vorbei am Commissariat de Police, das der Markthalle und der Église Notre-Dame-de-Lourdes gegenüberliegt. Ein merkwürdiges Ensemble, Markthalle und Kirche, die Halle eigentlich ein langweiliger Bau, wenn da nicht der über den First ragende, an ein überdimensionales Regal erinnernde Vorbau wäre: vier rechteckige orangefarben angestrichene Pfeiler, auf denen ein brettähnliches Dach liegt und zwischen denen drei regalähnliche Gefache liegen, die beiden äußeren durch Glasbausteine verschlossen, im mittleren eine Uhr, darunter die Aufschrift Ville de Chaville, Marche. Unmittelbar daneben dann die Kirche...“

Und so weiter mit dieser spröden Analytik, die nicht nur nichts zur Sache tut, sondern ohne jeden ästhetischen Nutzen für den Bericht ist und sich dennoch wiederholt.
    Warum Handke auf dieses Manuskript geantwortet hat? Man kann nur spekulieren. Sieben höfliche Zeilen des Dankes, aus denen nicht hervorgeht, dass Handke an weiterer Korrespondenz interessiert ist. Dennoch schließt sich im Buch ein erster „Briefwechsel“ über neun Jahre an, der darin besteht, dass Steiner Handke elfmal, mitunter recht ausführlich (es geht u.a. um Walnussernten und Künstlerbücher) schreibt, Handke ganze viermal knapp antwortet und Steiner schließlich im Frühjahr 2016 in sein Haus nach Chaville einlädt.
    Im Buch heißt das, ein zweiter Teil des Umherlaufens wird erzählt. Beobachtungen und Selbstgespräche, die nicht nur dem Totschlagen der Zeit bis zum Besuchstermin in Chaville dienen, sondern, so der ungute Leseeindruck, auch der Seitenschinderei, um den vermeintlichen Höhepunkt hinauszuzögern. Wer schon einmal in Gedanken versunken aus dem Bus- oder Zugfenster geschaut hat, während Regentropfen vom Fahrtwind über das Glas getrieben werden, kann diese Seiten auch – pardon – überblättern.
    Schließlich sitzt Steiner in Handkes Garten, schwärmt kindlich, isst mit dem Schriftsteller Walnüsse und erfährt und beschreibt Dinge, die jeder Handke-Interessierte schon weiß. Der Österreicher mag Pilze, soso. Und er läuft im Garten auf und ab, hat einen schönen Weg mit Muscheln an seinen Rändern angelegt. Teilweise liest sich der Bericht dieses Treffens wie eine Beschreibung des Films Bin im Wald, kann sein das ich mich verspäte.
    Und dann? Ein weiterer „Briefwechsel“. Ein Jahr, acht Briefe von Steiner, drei kurze Antworten von Handke, in denen er Steiner zu seinem Buchprojekt Der Holunderkönig folgendes zu sagen hat:

„Ihr Buch habe ich 'viel' gelesen. Recht: nur sagen Sie bisweilen zu 'viel' statt offenzulassen ...“

und

„Viel Edelsinn ist drin, aber vielleicht sollten Sie ihn weniger oder lakonischer propagieren. Schwärmen ist etwas Gutes, nur: es formen!“

Man wünscht sich, dass Steiner Handkes Ratschläge in zehn Jahren der Annäherung hätte annehmen sollen. So bleibt leider nur das Buch eines Mannes, der Handke getroffen hat und das allen mitteilen wollte. Was für Steiner mit Sicherheit ein persönlicher Gewinn war, ist für seine Leser eine langweilige Koketterie, die dem großen Peter Handke keineswegs gerecht wird.


Rolf Steiner: Der Holunderkönig. Von einem, der auszog Peter Handke zu treffen. Innsbruck (Haymon Verlag) 2017. 208 Seiten. 19,90 Euro.
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