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Phoebe Giannisi: Homerika

Rezensionen



Elke Engelhardt


Homerika – Phoebe Giannisi

Zeitlose Gesänge über Vergänglichkeit



Homerische Geschichten, so ungefähr ließe sich der Titel des Gedichtbandes von Phoebe Giannisi übersetzen, des ersten übrigens, der von ihr ins Deutsch übertragen wurde. Brauchen wir wirklich noch mehr davon? Von der „Odysee“ haben sich von Goethe mit seinem „Faust“, über Jules Vernes „Kapitän Nemo“ bis zu James Joyce „Ullysses“ zahlreiche Schriftsteller inspirieren lassen. Und es hört nicht auf.¹  
Was macht diesen Stoff so zeitlos, ist es, wie Ralf Julke in seiner Besprechung in der Leipziger Internetzeitung vermutet, die Geschichte einer Flucht, die eines uralten männlichen Selbst-Betrugs?
Gut möglich, aber das ist es nicht, was diesen Gedichtband für mich so lesenswert macht, so besonders. Denn Phoebe Giannisi, 1964 in Athen geborene Architektin, Dichterin und Übersetzerin, bezieht sich in ihren Gedichten zwar auf die berühmten homerischen Gestalten, neben dem Personal der Odysee haben Orpheus und Eurydike, Hermes und Aphrodite und andere ihren Auftritt, aber all diese Namen sind nur der Ausgangspunkt, Giannisis Gedichte gehen weiter, sie öffnen die Geschichten nicht nur für die Gegenwart, sondern für ihre tiefere Bedeutung.
Mich fasziniert bei diesen Gedichten ganz besonders die Rolle der Penelope. Diese Frau, die allgemein als Sinnbild der treuen Ehefrau gilt, wird in Giannisis Gedichten zur Urgestalt für das Weben von Geschichten, für ihre Vorläufigkeit, die Möglichkeit, die zunächst gewobenen Fäden in einem nächsten Schritt wieder aufzulösen. Oder, um es noch mehr zu verdichten, als Inbegriff für das gekonnte Spiel von Behauptung und Zweifel, Aussage und Widerspruch.

Orientiert man sich an Vorwort und Nachklang „Homerikas“, geht Penelope aus diesem Gedichtband als eine hervor, die die Kraft hat, sich mit den Tatsachen auseinander zu setzen, während Odysseus zwischen Eroberung und Flucht verloren geht.
Und zwischen Vorwort und Nachklang, zwischen Aufbruch und Ankommen liegt die Reise, die Verkörperung des Niemand, die Reise zu sich selbst. Ein Thema, das man sich zeitloser nicht denken kann.


„[...] auch wenn ich jetzt fragen kann
welcher Ort die Herkunft ist
das „Dort“ oder das „Hier“
der Aufbruch oder die Ankunft
wie kann der den Namen verkörpern
der vorher Niemand war“


Die Fragen gelten für alle, aber ein jeder findet seine eigene Antwort, oder eben die Unmöglichkeit einer Antwort. Den Weg dahin, oder den Umgang damit.

Bei Penelope wird das Weben und Auftrennen des Leichenhemdes zum ritualisierten Bahnen ziehen im Swimming Pool

(Penelope – I am addicted to you)

Der Pool ist ihre Leidenschaft
hin und her Tag für Tag
dieselbe Bahn wieder und wieder
der Pool hält sie am Leben
Schwimmen im Pool: das hält sie zusammen
das ständige Umkehren
das Atmen im Takt
das Zusammenspiel von Armen und Beinen
mit dem Kopf
nach unten nach oben nach unten nach oben
ins Wasser
der Kopf
taucht abwechselnd unter und auf
ausatmen unter Wasser einatmen über Wasser
die Pausen hier und da zwischen den Bahnen
die Kacheln unter dem Wasser im Licht
die fremden Körper bedrohlich
mit Badekappen oder Schlappen
das Wasser voller Chlor
der Himmel über Zypressen
der Pool hält mich am Leben
das beständige Lied
das Zählen
eins zwei drei vier fünf
sechs sieben acht neun fünfzehn
neunzehn Armschläge Wende
das Lied das Zählen die Wiederholung versteinern
das Lied vom Pool rettet mich
rettet mich vor dem Wissen dass
er mich nicht liebt


Immer wieder geht es in den Gedichten um unglückliche Liebe, um die Ungleichzeitigkeit, die Unmöglichkeit des Glücks, oder doch wenigstens um das Scheitern beim Versuch, Glück festzuhalten. Alles ist flüchtig und vergänglich, das Hemd, das Penelope nachts webt, löst sie am Morgen wieder auf. Dieses Motiv liegt allen Gedichten zugrunde, ist das Muster, das sich durch „Homerika“ zieht, die Gedichte nicht nur verbindet, sondern zu einer eigenen Geschichte mit einem ganz besonderen Klang macht.

In „Penelope II“ wird behauptet, jede Frau sei eine Weberin, die die Zeit mit Gewebe vertauscht. Und letztendlich sind es die alltäglichen Pflichten, die sie retten. In diesem Gedicht ist angelegt, wie die Zusammenstellung, das Zusammenspiel der Gedichte funktioniert. Variationen von Erzählungen, von Heimkehr, kreuzen sich, werden miteinander verwoben, bilden vorläufige Muster, die sich wieder auflösen.
Es geht also nicht zuletzt immer wieder um das Vergehen, der Liebe und des Lebens allgemein, und um das Festhalten am Ineinander –Verstrickt –sein. Um das „Trotzdem“ von dem Hilde Domin in ihrem Aufsatz „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ geschrieben hat, es sei das „Trotzdem“ eines Sisyphos, der ein Bild für das Scheitern und das „Dennoch“ ist. Für den trotz allem lohnenden Widerstand.

Die Heimkehr wird in Giannisis Gedichten geschildert als Rückkehr an einen veränderten Ort, Heimkehr als (vergeblicher) Versuch zu der Erinnerung an ein altes Selbst zurück zu kehren. Aber gleichzeitig als Ort an dem die Erkenntnis stattfinden kann.

„[...] wie du das Ruder in die Erde gerammt hast
wie du plötzlich begriffen hast welchen Grund du hast
zurückzukommen
und es mit dir zu nehmen
damit du gebären kannst
damit du es schaffst
zu begraben
damit du es schaffst
wieder und zum letzten Mal
von Anfang an zu lieben“


Giannisis Gedichte werfen nicht zuletzt die Frage auf, ob Heimkehr etwas anderes ist als die Erzählung von Heimkehr. Oder ob es bei allem, was man tut, letztendlich nur darauf ankommt, in welcher Reihenfolge die Fäden von Erzählen und Handeln verwoben werden.


¹ Ganz aktuell wäre der im letzten Jahr erschienene Roman Jochen Distelmeyers „Otis“ zu nennen, der qualitative Abstand zu den o.g. scheint aber so groß, dass ich diesen Verweis nur in einer Fußnote unterbringen kann.


Phoebe Giannisi: Homerika. Gedichte. Übersetzt von Dirk Uwe Hansen. Leipzig (Reinecke & Voß) 2016. 86 Seiten. 10,00 Euro.

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