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Markus Hallinger: Würfelbruch

Rezensionen / Verlage


Jan Kuhlbrodt

Zu Markus Hallinger: Würfelbruch


Im Grunde verweist schon der Titel des langen, aber dennoch knappen Gedichtes auf eine Paradoxie. Denn wenn etwas Herausgebrochenes die regelmäßige Form eines Würfels aufweist, dann war es gewissermaßen würfelförmig vorformiert, oder dem Material, dem Stein meinethalben, wurde mit Gewalt zu Leibe gerückt. Und vielleicht zeigt genau das unser Verhältnis zu dem an, was wir landläufig unter Natur verstehen. Hallinger spielt dieses Verhältnis und dieses Verhalten, auf letztlich geringem Raum, auf eindringliche Art und Weise durch.

Es gibt die alte jüdisch-christlich geprägte Vorstellung, dass die Welt ein offenes Buch sei, in dem der Mensch zu lesen habe, sie ist Geheimnis zwar – aber wir vermögen, lernen wir nur seine Sprache, es zu entschlüsseln. Doch:

Der Sinn ist aufgeschreckt.
Die Berge schief, im Rutschen, schmelzen ab wie die Polkappen.
Der Himmel überbaut und fallenstellig. Tiere fliehen
   
Hallinger legt also ein dreiteiliges langes Gedicht vor. Eine Meditation über das, was wir Natur zu nennen gewohnt sind, und beginnt gewissermaßen mit dem, was einem Waldläufer unmittelbar begegnet. Steine, Florales, Gestrüpp. Und ihm begegnet eine Schichtung. Nachvollziehbar zunächst für den Betrachter als Schichtung, nur das, was ihm Schicht für Schicht erscheint, zeigt sich letztlich wirr, und aus der geschichteten Natur wird eine nachvollziehbar etymologische Analogie, Geschichte. Das letztlich ist der Gang dieses Gedichts.

Der erste Abschnitt gibt den Weg vor und der Eingang ist zugleich Resümee.

Bäume und Sträucher, Fundstücke
aus tieferen Schichten landen in den Museen
Noch im Aussterben trete ich den Erdzeitaltern gegenüber
mit kindlicher Sammelfreude.

Die Schichtung also entbirgt sich als Geschichte. Das ist der Gang, und in der Betrachtung erfährt der Betrachter zwar einiges über die eigene Herkunft, vor allem aber trifft er sich selbst, erkennt sich im Eingriff in das, was er zu betrachten vorgibt.

Die Hand, die mit einem Stecken vorwärts hastet,
           in schlammiger Erde, einsticht;
                                              (Wasser spritzt auf.)

Im dritten Teil erweist sich der Punkt der Betrachtung als Teil eines naturgesellschaftlichen Kosmos. Der Wald wird Weltwald, verbunden durch Kapillaren mit einem Gefüge, und Geschichte ist nicht mehr das, was es Schicht für Schicht freizulegen gilt, sondern das, was im Moment sich ereignet:

Nachrichten werden aus Ton geschlagen.
Es gibt nicht genügend klares Wasser.

Trotzig verweigert sich aber Natur, vielleicht ist das einzige Attribut ihres Daseins ihr Dasein. Hallinger jedenfalls geht in den Wald, wo er sie antrifft, oder auf sie trifft. Aber im Gegensatz zur Eichendorffschen Erweckungsnatur ist sie mit einem Zauberwort nicht zum Singen zu bringen:

Die Landschaft kommt nicht zu sich. Den Zuschreibungen satt, übersättigt
vom bloßen Gerede sträubt sie sich, birgt. Sie wirft ihr Geheimnis nicht aus.


Markus Hallinger: Würfelbruch. Ostheim/Rhön (Verlag Peter Engstler) 2018. 44 Seiten. 14,00 Euro.
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