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Markus Hallinger: Jackson und Heuser

Essay / Memo / Notizbuch > Aus dem Notizbuch



Jackson und Heuser



Hat schon jemals jemand eine Person in einer Wand verschwinden gesehen?


Versäumt? Ha! Und dann blieb der „beuyssche Hut“ zurück. Zeichen, dass hier derjenige gesessen hatte, von dem der Text stammte, der mir entgegen kam. Ein Hut macht nämlich keine Texte und ein Hut liest nicht laut und eindringlich. Aber der Hut, den ich an diesem sonst verlassenen Tisch sah, zeugte von dieser Person, die sich aus dem Raum zurückgezogen hatte in einen anderen Raum hinter der Wand. Wenn man hinter der Wand steckt, klingt die Stimme wie aus der Wand kommend verwandelt. Wie aber genau klang diese Stimme hier? Hatte sie etwas mit Hamann zu tun, mit Kaliningrad, mit Bloch, mit Müntzer, oder lag auf ihr der Schatten E.T.A. Hofmanns, der Schatten eines Schattens, der durch Königsberg glitt, die UDSSR im Gefolge klirrte. Dann meinte ich, hörte ich leisen Gesang an der Laterne. Sprachengewirr. Straßengewirr. Das war was für Leute mit großen Ohren, oder mit kleinen Ohren, die noch wachsen können. Leute mit Ohren wie Segel. Oder wie Trichter. Hört! Hört! Rief jemand – aber das stimmt gar nicht, oder stimmt schon, was ich eigentlich nicht genau weiß, so benommen war ich.

Es ist ungerecht, hier wenig über Andrea Heuser zu schreiben. Sie mag an diesem Abend gespürt haben, dass es fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, nach diesem Hendrik Jackson noch zu lesen. Die Atmosphäre war aufgeladen. Und es war eine Scheu im Raum, und der Hut lag in meiner Vorstellung noch immer am Tisch. Niemand traute sich, laut zu sprechen. Andrea Heuser las dann vorsichtig, tastete sich in den Raum hinein, so wie das Kind und die Geschichte in ihrem Roman sich vorwärts tasteten.

17 Fans dankten beiden.

Was man sich immer fragt, bei und nach solchen Veranstaltungen: Wo steckt die Münchner Literaturszene? Die 1000 Dichter/innen und 10000 Literaturinteressierte der Stadt scheinen nur um sich selbst zu kreisen, und als ob sie sich aus den Institutionen, Literaturhaus, Lyrik Kabinett, Schreibgruppen, Kursen, Seminaren, Verlagshäusern nicht heraus trauen. Und wo ihr wirkliches Interesse steckt, fragt man sich, und was sie eigentlich bedienen außer ihrer eigenen Eitelkeit?

Markus Hallinger


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