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Markus Hallinger: Erinnerung Phantasie Verlust Sentimentalität

Gedichte

Markus Hallinger


Erinnerung Phantasie Verlust Sentimentalität


Rückerinnernde Gedanken sind wie schlecht kolorierte Abenteuerfilme.
Du stürzt dich auf sie mit einer Sehnsucht,
die dich unverhofft überfällt und die du anstarrst, erschrocken
und paralysiert von den Gedanken, die dir kommen.
Wünsche, Fluchtgedanken, die genau betrachtet keinen Ort finden,
keine Weite, die unberührt wäre,
keinen Schnee am Kilimandscharo, keine Salzluft am Meer.
Jede lange Zeile, jeder gesponnene Satz, den du niederschreibst, wird sentimental,
schwemmt fort;   
Dein Denken,
das bei der Sache bleiben sollte, driftet ab.
Es hemmt dich, Dinge und Geschehnisse einfach zu benennen. Sie sind belegt, überfrachtet
als ob im Kopf ein Containerschiff wäre, schwer beladen
mit exotischen Gütern,  - und das Zeichen
                                      zum Abladen ertönt, sobald du anfängst dir einen Begriff zu machen.
 
Was findest du? Wie museale  Ausstellungsstücke stehen die Dinge
                                                                                         und ihre Bezeichnungen um dich herum:
sie scheinen Romanen entsprungen. (Weißt du noch? – Nachts
unter der Decke als flackerndes Lauschen und Rauschen / endlos
phosphoreszierend… wenn du den Schlaf hinauszögertest, und der Raum
sich ausdehnte, und das phantasierende Ich zusammenschrumpfte
auf Korngröße und fror.)
 

Es gibt diesen Raum nicht mehr, den du atmetest. Das Licht,
das dich umgibt, ist kalt. Und die Vergänglichkeit,
die lebendig macht, ist zu einem Bild erstarrt und konserviert. Die Bilder
hängen wie alte Socken an der Wäscheleine im Hinterhof der Kindheit. Und wenn du glaubst,
ein Trappeln von Schritten auf Holzböden zu hören, ist das Geräusch nichts weiter
als dein hilfloses Klopfen an der Tür.
Du verharrst an der Schwelle,
und dein ganzes Gerede handelt von dieser Schwelle, über die du nicht hinauskommen wirst.
In der Betrachtung wächst die Distanz weiter. Das Haus ist verstaubt.
 
Da ist kein Raum, in dem du dich bewegen könntest. Jeder Vergleich,
mit dem du dich nähern willst, zerrinnt,
und du findest dich wieder in einem stickigen, grundlosen Gewässer
                                                                                und schnappst nach Luft.
(Den Schildkrötenpanzer, den du trägst, kannst du nicht ablegen.)
 
Die Bilder und Vergleiche, die du benutzt, sollen
einen Gegensatz zu den leblosen Dingen und Begriffen, die um dich herumstehen, bilden;
eine praktische Möglichkeit
Adjektive und Verben unterzuschieben; eine Möglichkeit zum Gebrauch. Bewegung
soll  entstehen, und Atmosphäre. Aber es ist nur Staffage, Inszenierung
und die Sätze sind die Bühne, auf der die Worte mit den Assoziationen spielen.
(Oder: die Assoziationen spielen mit den Worten.)
 
Was du zu finden hoffst sind Tatsachen. Aber du weißt nicht mehr
                                                                                                was wahr ist, was nicht wahr ist.
Im Zweifel entscheidest du dich für das eine – aber das andere sitzt im Kopf und befragt dich.
 
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