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Mara Genschel: Cute Gedanken / Gablenberger Tagblatt

Rezensionen


Konstantin Ames

Mara Genschels verwaiste Poesie


Es gibt wenig Poesie dieser Tage, die so sehr etwas über unsere Tage in künftigen Jahren mitteilen wird wie diejenige von Mara Genschel, die mit «Cute Gedanken» und «Gablenberger Tagblatt» innerhalb eines Jahres gleich zwei Poesiebücher vorlegt. Gleich mit Betreten der literarischen Bühne wurde Genschel als enfant terrible wahrgenommen. Und so hat die gebürtige Bonnerin der gut vernetzten Lyrikszene Berlins auch mittlerweile den Rücken gekehrt. Nachklänge dieses Weggangs finden sich in «Cute Gedanken», z.B. in diesem rotzigen Selbstzitat:

63
„Ich bin doch nur die blöde
Generälin does deutschen
Avant garde time leu und

genauso w I rd das auch verstaut!“

In ihrem bibliophil selbstverlegten Projekt «Referenzfläche» hat Genschel so manche Er-habenheitsgeste so mancher arrivierter Kollegen genüsslich veräppelt. In «Cute Gedanken» rückt Genschel sich nun selbst zu Leibe. Sie scheint für ihr Schreiben eine Lösung gefunden zu haben, damit es nicht in die Verblödungsfalle eines triefenden Pathos oder eines pastösen Agitprop tappt:

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Später going ich immer wieder
him, quetschte Mich aufrecht
in eine der beichtstuhlartigen

Zellen MIT KO KO, und
versuchte MIT jemandem
politisch zu reden, der selbst

wochenlang I’m Arrest
gesessen hatte, as ufgrund
von Students protest an

in seiner Heimat Burma.
DA mm acgte ich natürlich
keine allzu cute Figure.

Es ist für selbstbewusste Frauen auch heute noch schwierig, Emanzipation und Ironie an den Mann zu bringen. Im Gegenzug wird dann gern ein Strauß «neuer Ernsthaftigkeit» (also gut durchgebackener Humorlosigkeit) zusammen mit jünglingshaften Feinderklärungen herüber-gereicht, oder es wird Debattierbedarf mit altherrenhaften Ansprachen ("avenidas-Debatte") abgewürgt. Alle diese abstrusen Verdrängungsbewegungen  eines bröckelnden Überbaus haben ebenfalls den Weg gefunden in Genschels Texte, die nun in den Verlagen von Urs Engeler und Ulf Stolterfoht erschienen sind. Das literarische Experiment ist in den großen deutschen Verlagshäusern kaum noch anzutreffen. Und beinah muten diese ordentlichen Buchver-öffentlichungen, bei den ersten Adressen für avancierte deutschsprachige Poesie, als Rückschritt in Sachen Anarchie an.
    Renate Rasp (1935-2015), eine entfernte Geistesverwandte Genschels, konnte übrigens noch in einem Publikumsverlag veröffentlichen. Dass dies für Genschel nicht mehr möglich scheint, verrät einiges über den Corpsgeist mancher Lektorate. Viele großartige Stimmen können aufgrund dieser Gemengelage nie auf ein größeres Publikum rechnen. Insofern sollte eher von einer ‹Literaturlotterie› die Rede sein, denn die Worte ‹-betrieb› und ‹-wettbewerb› führen in Verbindung mit ‹Literatur› bloß zu realitätsfernen Vorstellungen von Kunstsinn und Aufgeschlossenheit, die es so schlicht nicht mehr gibt. Mara Genschel und eine kleine Gruppe Gleichgesinnter haben sich entschlossen, gegen diese Geschichtspolitik direkte Maßnahmen zu ergreifen; die wichtigste davon: Preisgelder werden vollständig in einen Fonds eingezahlt, aus dem talentierte Teile der Kollegenschaft zukünftig gefördert werden sollen. Weitere Informationen zu dieser altruistischen Aktion enthält Genschels fiktive Dankesrede zum Heimrad-Bäcker-Förderpreis, die in Heft 17 der Literaturzeitschrift «Mütze» nachzulesen ist.

Lebensform
Ich schäme mich für meine Lebensform!
(Ich weiß aber nicht, für welche Lebensform ich mich nicht schämen würde.)

In «Cute Gedanken» mündet dieses Auflehnen gegen Sprache als Zweckform in ein – durch die dazwischenfahrende Autokorrektur eines amerikanischen Mobilfons – kunstvoll zerstörtes Tagebuch, das anlässlich eines Aufenthaltsstipendiums in den USA geführt wurde. Genschels Furor gegen Erprobtes und Touristisches speiste sich in ihrem Debüt «Tonbrand Schlaf» (2008) vornehmlich aus der Tradition der Lautmusik und Lautpoesie. Kaum ein Jahrzehnt später hat die Dichterin ihr Repertoire um eindrucksvolle Bemühungen auf der schriftbildlichen Ebene von Literatur erweitert. Verglichen mit dem, was derzeit prämiert und herumgereicht wird, muss die hier exzessiv geübte Selbstkritik befremdlich wirken.

30                                                                   37
Ich bin doch nur ein Susan                            Aber warum muss ich immer
men hang loser Zombie,                                wieder so hart und ernsthaft
sobald ich meine gewohnten                          zusammenbrechen?

Biotope verlass!

‹Spracharbeit› (auch so eine Leerformel) sähe anders aus, Genschel treibt Literatursport wie er im Umkreis von «karawa.net» hochgeschätzt wird, und den auch der in Bueños Aires ansässige Autor Léonce Lupette, wie Genschel ebenfalls Co-Editor dieser eZine, ausübt; wenngleich eher fröhlich-kalauernd und zumeist an deutsch-spanische Bilingualitäten geknüpft. Vieles von dem, was Genschel tut, gibt allerdings auch einen Vorgeschmack auf die verheerenden Leerläufe, die das modisch werdende «Uncreative Writing» unter höchst kreativen Köpfen, die es im Gegensatz zu Genschel gern mal ohne Talent versuchen, noch anzurichten imstande sein wird. Einige Passagen aus Gablenberger Tagblatt bewegen sich bedenklich nah an den schmalen Grat zum hubernden Slapstick heran, der kabarettistischem Ulk («Heidegger-Lied») halblustig nach-empfunden scheint:


Andererseits erhalten wir hier aber auch einen Eindruck davon, was geschieht, wenn Dichtung nicht in die offiziellen Tönnchen der Lyrik pischt und plätschert. Mara Genschel kehrt die Schattenseiten eines genuin poetischen Talents heraus, sie zeigt die Preisschilder. Sibylle Lewitscharoff hat in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen von der Literatur «Erlösungskeime» gefordert. Die werden hier nicht gesät. Die Schlussgedanken von Genschels roughbook sind auch nicht gerade cute:

74                                                                   75
alles ist gut. Die Kunst ist gut                        Mama! Lass Mich wieder nach
und recht, die Kuration ist gut.                      Hauser!
Die Km unst weiß das, die
Poeten wissen. Ich bin diner
von such. Du machst das ich
ACH, di see, die Poesie ist gut

Und recht. „ACH bitter Liebe

Beide Bücher sind höchstpersönliche Trainings, die eine schonungslos gezeigte Empörbarkeit zelebrieren, eine krasse Mischung aus eitler Wundenschau und nuancierter Empfindlichkeit, die auf Gefälligkeiten und ästhetische Kompromisse komplett verzichtet. Mara Genschel gehört zu einer Gruppe, die von den panisch-lyrischen Berufsjugendlichen unserer Tage gern neckisch als ‹Sprachfraktion› abgetan wird. Es ist wahr, dass die Größe dieser Gruppe zu anderen Zeiten erheblicher war. Die hervorstechende Eigenschaft dieser Sorte Poesie ist ihre Beirrbarkeit, die über alle formalistischen Capricen gestellt wird.

Das betrieblich verankerte Rezeptionsklischee verlangt von Vertretern der experimentellen Schreibart ein gewisses Etwas, z.B. in der Biographie, eine Prise mehr an Spleen und Arroganz, vielleicht eine oder zwei Sprachen mehr oder andere Kostüme, um sich auf diese Weise ein Alleinstellungsmerkmal zu schneidern. Genschel hat solches Talent zum Talent nicht vorzuweisen. Braucht sie auch nicht. Wer aus den überkommenen Formaten Tagebuch und Lyrik derart leichthändig komisierte Lakonie zu machen versteht, darf auf die B-Note getrost pfeifen.

Leider haben das auch die Gestalter der beiden letzten Publikationen getan. Die Ausstattung beider Bücher wirkt alles in allem nordkoreanisch-schlicht. Was nicht schlimm wäre, wenn es nicht das Ultravitale dieser zum Palimpsest neigenden Schreibart einigermaßen konterkarieren würde. Die im Leipziger Verlag Reinecke & Voss erschienene Publikation «Mara Genschel Material» (2015), wo verstärkt Faksimiles eingespielt wurden, ist insofern die einzige kongeniale Edition bezüglich der hyperaktiven Überschreibungsbewegung der Autorin; und bleibt eine notwendige Ergänzung zu den beiden vorliegenden Büchern, auch weil darin berufene Stimmen wie z.B. Michael Gratz und Ann Cotten wertvolle und launige Fingerzeige zu Mara Genschels Œuvre geben.

Vor allem «Gablenberger Tagblatt» enthält in Fülle dystopische Visionen einer anderen Menschheitsdämmerung; einer Verniedlichung des Guten. Kaum auszudenken!


Mara Genschel: Cute Gedanken. Iowa City u.a. (Roughbooks). 96 Seiten. 15,00 Euro.

Mara Genschel: Gablenberger Tagblatt. Berlin (Brueterich Press). 176 Seiten. 20,00 Euro.

Urs Engeler (Hg.): Mütze 17. Schupfart (Urs Engeler Editor). 52 Seiten. 6 Euro.

Bertram Reinecke (Hg.): Mara Genschel Material. Leipzig (Reinecke & Voss). 99 Seiten. 12 Euro.
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