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Mahmood Falaki: Kafka - Fremdheit (und sein Einfluss auf die moderne persische Literatur)

Rezensionen / Verlage


Gerrit Wustmann

Eine offene Frage
Mahmood Falaki über Kafka, Hedayat und die Entfremdung


Anspielungen auf Kafka sind in der modernen persischen Literatur allgegenwärtig. Woran liegt das? Wie lässt sich der immense Eindruck erklären, den Kafka auf iranische Schriftsteller macht? Dieser Frage nähert sich der in Hamburg lebende Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Mahmood Falaki in seinem unlängst bei Goethe & Hafis, Bonn, erschienenen Buch „Kafka. Fremdheit und sein Einfluss auf die moderne persische Literatur“ an.

Eine zentrale Rolle dabei spielt Sadegh Hedayat (1903 – 1951), der als Begründer der modernen persischen Prosa gilt und mit seinem Roman „Die blinde Eule“ (1936) ein Buch von Weltrang verfasst hat. Hedayat wird immer mal wieder als „persischer Kafka“ bezeichnet. Nicht nur Kritiker, auch Literaturwissenschaftler haben große Ähnlichkeiten in seinen und Kafkas Werken ausgemacht. Hinzu kommt, dass Hedayat ab 1943 Kafka ins Persische übersetzt hat – allerdings nicht vom deutschen Original, sondern auf Basis französischer Übersetzungen. Hedayat hat in Paris studiert und dort auch die letzten Jahre seines Lebens bis zu seinem Freitod verbracht.

Tatsächlich drängen sich, wenn man die „Blinde Eule“ in der deutschen Übertragung von Bahman Nirumand liest, Paral-lelen zu Kafka auch sprachlich auf. Doch das ist, so wird bei Falaki klar, eher ein Zufall, da Hedayat Kafka nie im Original lesen konnte. Seinem Freund Farsane zufolge lehnte Hedayat den Kafka-Vergleich zu Lebzeiten sogar ab und verwies darauf, wie unterschiedlich die Lebenssituation des anderen im Vergleich zu seiner eigenen war. Auf der anderen Seite weist Falaki nach, dass Hedayat Kafka in seinem Buch „Kafkas Botschaft“ Eigenschaften und Haltungen andichtete, die wohl eher seinen eigenen entsprachen.

In der Analyse der „Blinden Eule“ und Kafkas „Verwandlung“ geht Falaki auf Ähnlichkeiten ein, die bei genauerer Betrachtung eher Gegensätze sind. Denn das Element von Fremdheit und Entfremdung, das sich bei beiden Autoren als gewichtiges Motiv findet, entspringt völlig unterschiedlichen Motivationen und Hintergründen, die nicht zuletzt mit kultureller Prägung zu tun haben.

Kurz: Falaki fegt eine ganze Reihe bis dato festgefügter literaturwissenschaftlicher Annahmen zum Einfluss Kafkas auf Hedayat hinweg, und er macht das sehr überzeugend, indem er Interpretationsfehler früherer Kommentatoren offenlegt. Einige davon basieren, bei beiden Autoren, auch auf der Annahme, dass sehr viele Elemente ihrer Figuren autobiografisch seien, wogegen Falaki sich regelrecht wehrt. Zwar zeigt er auf, wie die Biografien und jeweiligen historisch-biografischen Hintergründe zu Literatur wurden, gibt aber dem fiktionalen Element deutlich größeren Raum. Ob er damit richtig liegt, wird sich freilich nie herausstellen lassen. Auch der Wissenschaftler und Interpret bringt seine Subjektivität mit, so dass das Analysieren von Literatur immer Vermutung bleiben muss. Das sagt Falaki nicht, aber man ahnt, dass er sich dieser größten Achillesverse der Literaturwissenschaft sehr bewusst ist...

Das mag auch daran liegen, dass er beide Perspektiven kennt: Die innere und die äußere. Er hat selbst mehr als zwanzig Bücher geschrieben. Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Sachbücher. Seine 2013 bei Schiler erschienene Dissertation „Goethe und Hafis. Verstehen und Missverstehen in der Wechselbeziehung deutscher und persischer Kultur“ ist in Bezug auf sein Thema wegweisend und unverzichtbar für jeden, der sich mit Goethe und Hafis auseinandersetzt.

Aber wie ist es denn nun mit Kafkas Einfluss auf die moderne persische Literatur? So gewinnbringend Falakis Analysen zu Kafka, Hedayat und Interpretationsmissverständnissen sind, so vage bleibt er doch leider bei der Klärung der Titelfrage. Er konstatiert lediglich, was jeder Leser persischer Literatur weiß: Kafka ist wichtig. Warum das so ist, bleibt am Ende fast völlig offen. Als einzig konkretes Beispiel bringt er Bahram Sadeghi an, der sich in seinen Kurzgeschichten bisweilen an Techniken bedient, die der Erzählweise Kafkas sehr ähnlich sind – die aber, zumindest gemessen an den vorliegenden Beispielen, nicht wirklich überzeugen, denn die Art, wie Sadeghi in seine Geschichten einsteigt, könnte er auch von unzähligen anderen Autoren abgeschaut haben. Von Carver zum Beispiel. Dass die Titelfrage nicht oder nur sehr unbefriedigend beantwortet wird, ist eine Schwäche von Falakis Buch, die für Enttäuschung sorgt. Für all jene, die in die Kafka-Hedayat-Thematik tiefer eintauchen wollen, ist es aber gewinnbringend und liefert zahlreiche Ansätze und Hinweise zur weiteren Vertiefung.


Mahood Falaki: Kafka - Fremdheit (und sein Einfluss auf die moderne persische Literatur). Bonn (Goethe und Hafis Verlag) 2018. 116 Seiten. 12,00 Euro.
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