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Lukas Schepers: Hölderlin/Hyperion oder „Halbherzige Revolutionäre“

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Lukas Schepers

Hölderlin/Hyperion oder
„Halbherzige Revolutionäre“



Bevor wir uns wirklich mit dem zu besprechenden Werk befassen, mag es erhellend sein, etwas über die Genese dieses Textes zu erfahren, denn er entstand aus einer Zerrissenheit heraus. Ich wusste nicht viel über Hölderlin – um ehrlich zu sein, nicht einmal seinen vollständigen und wie zu der Zeit üblich herrschaftlich-imperialen Namen: Johann Christian Friedrich. Ich wusste, dass er Schwabe war, zusammen mit Hegel und Schelling im Tübinger Stift studierte und von linken Intellektuellen als geistiger Revolutionär rezipiert wurde. Ich las einige seiner Gedichte aus einem Reclamheft und konnte zunächst gut nachvollziehen, wieso die vaterländischen und heimatverliebten Hymnen des „Dichters der Deutschen“ in beiden Weltkriegen als Propaganda missbraucht wurden. Doch die Rufe nach einem starken Volk und einer republikanischen Nation waren zu Zeiten verstreuter Fürstentümer fortschrittlich und wurden historisch dekontextualisiert und mystifiziert. Seine humanistischen Ideale von Freiheit und Gleichheit waren in den Hymnen und Oden spürbar. So beispielsweise in der „Hymne an die Unsterblichkeit“ vom Oktober 1790:

„Wenn die starken Despoten weken,
Ihn zu mahnen an das Menschnrecht
Aus der Lüste Taumel ihn zu schreken,
Muth zu predigen dem faulen Knecht!
Wenn in todesvollen Schlachtgewittern,
Wo der Freiheit Heldenfahne weht”
           
Oder seiner „Hymne an die Menschheit“ ein Jahr darauf:

„Schon fülen an der Freiheit Fahnen
Sich Jünglinge, wie Götter, gut und groß,
Und, ha! die stolzen Wüstlingen zu mahnen,
Bricht jede Kraft von Bann und Kette los”
       
Dabei machte es mich stutzig, dass sich in demselben Gedichtband eine zehn Jahre später entstandene Hymne finden ließ, die er dem Landgrafen von Homburg, Friedrich V. widmete, sowie eine Ode, die er der Prinzessin Auguste von Homburg zum Dank schrieb, da Hölderlin ihren Geburtstag am Hofe mitfeiern durfte, weil die Prinzessin eine große Verehrerin seines Hyperion war.
 
Was war passiert? War Hölderlin jemals wirklich von revolutionärer Gesinnung? Eine Antwort darauf suchte ich erst in seiner Biografie. 1770 in Lauffen am Neckar als Sohn eines Klosterhofmeisters und einer Pfarrerstochter geboren, kam er aus der städtischen Oberschicht. Sein Vater verstarb, als Hölderlin erst zwei Jahre alt war. Weitere zwei Jahre darauf heiratete seine Mutter den Schwiegervater, einen Weinhändler und späteren Bürgermeister von Nürtingen in Baden Württemberg. Auch dieser starb fünf Jahre darauf, sodass Hölderlin sich mit einem tragisch erhaltenen Erbe zumindest begrenzt abgesichert sehen konnte, was ihn nicht von späteren finanziellen Holprigkeiten bewahrte.

Seiner sozialen Herkunft entsprechend wuchs er mit einem starken Glauben an Gott auf, der durch
die Zeit im Tübinger Stift, dem Ausbildungszentrum einer geistlichen Elite, nicht geschmälert wurde. Dort schloss der Stipendiat Hölderlin als Magister der Philosophie ab.

Trotz aller Geistigkeit weigerte er sich, die von seiner Mutter erwartete kirchliche Laufbahn einzuschlagen und bekam 1793 von Schiller, der bereits einige Gedichte des jungen Hölderlins gelesen hatte, eine Hauslehrerstelle bei der Familie Kalb vermittelt. Dort unterrichtete er zwei Stunden am Vor-und zwei Stunden am Nachmittag. So blieb ihm genügend Zeit, um an dem Werk zu arbeiten, in dem ich mir nun versprach, Antworten auf die durch den vermuteten Bruch mit der Revolution aufgeworfenen Fragen zu finden: „Hyperion oder Der Eremit in Griechenland“, der zweibändige Briefroman, ergänzt durch ein bedeutendes Fragment.


Revolutionärer Philhellenismus

Das Buch ist eine literarische Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution, ausgelagert in das Griechenland um 1770, das sich von der Herrschaft des Osmanischen Reiches befreien will. Im ersten Buch des ersten Bandes reflektiert Hyperion in Briefen an seinen in Deutschland lebenden Freund Bellarmin seine Empfindungen und Handlungen. Mit ausschweifendem Pathos, schöngeistiger Sensibilität und kunstvoll verzierten Worten beschreibt er die Zustände seiner vaterländischen Umgebung, dessen Natur ihm durch den mangelnden Geist der Menschen unbeseelt vorkommt. Durch seinen Lehrmeister Adamas, der ihn in die Heroenwelt des Plutarch einführte und sich später in Richtung Asien absetzte, schwelgt er in einer vergangenen Welt, die er sichtlich glorifiziert. Hyperion, Hölderlin selbst verkörpernd, will die Ungerechtigkeit beseitigen und der Freiheit und Gleichheit der Bürger den Weg ebnen, als ob dies dem Sklavenhalterstaat des antiken Griechenlands entspräche.

Zunächst wendet Hyperion sich hoffnungslos ab, doch trifft dann auf den mysteriösen, einige Jahre älteren, Alabanda, dessen charakterliche Grundzüge von Hölderlins gutem Freund Isaac von Sinclair gespeist werden. Die beiden erkennen sich an ihrer reinen Gesinnung, spüren eine Art Seelenverwandtschaft und schöpfen Kraft aus den gemeinsamen Gesprächen. Ihre Gefühle zeugen von einer gewissen geistigen Hoheitlichkeit und von Edelmut. Sie werden selbst als Heroen inszeniert.

So sprechen die beiden mit „blutendem Herzen“ über den „entwürdigten Boden“ ihres Vater-landes, und Alabanda sagt:
 
„Wenn ich ein Kind ansehe und denke, wie schmählich und verderbend das Joch ist, das es tragen wird, und dass es darben wird, wie wir, dass es Menschen suchen wird, wie wir, fragen wird, wie wir, nach Schönem und Wahrem, dass es unfruchtbar vergehen wird, weil es allein sein wird, wie wir, dass es – o nehmt doch eure Söhne aus der Wiege und werft sie in den Strom, um wenigstens vor eurer Schande sie zu retten. […] Große Taten, wenn sie nicht in hohen Herzen widertönen, sind, wie ein sterbend Blatt, das in den Kot herunterrauscht. Was willst du nun?“

Hyperion will nichts anderes als eine Umwälzung:

„Ich will die Schaufel nehmen und den Kot in eine Grube werfen. Ein Volk, wo Geist und Größe keinen Geist und keine Größe mehr erzeugt, hat nichts mehr gemein, mit anderen, die noch Menschen sind, hat keine Rechte mehr, und es ist ein leeres Possenspiel, ein Aberglauben, wenn man solche willenlose Leichname noch ehren will, als wär ein Römerherz in ihnen. Weg mit ihnen! Er darf nicht stehen, wo er steht, der dürre faule Baum, er stiehlt ja Licht und Luft dem jungen Leben, das für eine neue Welt heranreift.“

Nach dieser Aussprache fallen sich die „Waffenbrüder“ unter Küssen in die Arme. Zusammen wollen sie das Unkraut der Vergangenheit jäten, die befleckten veralteten Formen zerschmettern und den zur Hölle gemachten Despotismus in einen himmlischen Freistaat verwandeln.

Doch schnell fragt man sich, wie diese beiden, vom Volk abgekehrten Schöngeister, ein solches Unterfangen gestalten wollen. Ihre Auffassungen scheinen realitätsfern und schwärmerisch – weit weg von dem einfachen Geist, der das Volk umtreibt, das sie doch befreien wollen. Besonders Hyperion gerät ins Schwadronieren und wird zu einem späteren Zeitpunkt des Gesprächs von seinem geistigen Bruder ein wenig belächelt, was ihn kränkt und zum vorläufigen Bruch führt, obwohl deutlich wird, dass Alabanda mit dem Bund der Nemesis, einer Allianz von Revolutionären, die der intellektuellen Spitze der Jakobiner gleichkommt, vielversprechende Möglichkeiten offen hat.

Ihnen nach einigen gewechselten Sätzen bereits Unaufrichtigkeit unterstellend, wendet Hyperion sich ab, bereut dies zwar schnell, doch verliebt er sich auf seinen Reisen zu Beginn des zweiten Buches des ersten Bandes in Diotima, die Hölderlins heimlich geliebten Susette Gontard entspricht, bei dessen Ehemann, einem sehr wohlhabenden Bankier, er seine zweite Hauslehrerstellung angenommen hatte. Alle Revolution scheint zunächst vergessen, und seine gesamte Liebe zum Volke konzentriert sich auf diese eine Person, für die er leben und sterben möchte. Wie aufrichtig kann der Wunsch nach Veränderung sein, wenn er sich so schnell ins Partikulare auflöst? Dieses Urteil ist jedoch voreilig gefällt, denn hier wartet die nächste Wendung des Romans. Diotima erkennt in ihrem Geliebten den Geborenen Erzieher des Volkes, der als geistiger Lehrer die Bedürftigen mit Schönheit ansteckt. Sie sieht ihn als Heiland des ästhetischen Menschen. Natürlich ist es vollkommen absurd, zu glauben, dass der Mensch aufgrund eines Individuums, das nicht er selbst ist, gut werden kann.

So viel sollte zur Disposition gesagt werden, bevor wir zu dem entscheidenden Schlüsselmoment kommen – der Antwort, nach der ich suchte. Denn plötzlich bekommt Hyperion einen Aufruf seines alten Freundes Alabanda, den er bei Diotima in höchsten Tönen gelobt hat. Die Russen haben den Türken den Krieg erklärt, es käme die Zeit der Befreiung. Zunächst schwelgt er in einer liebesgesättigten Lethargie: „Ich bin zu müßig geworden, zu friedenslustig, zu himmlisch, zu träg!“ – doch dann merkt er ganz richtig: „Ja! Sanft zu sein, zu rechter Zeit, das ist wohl schön, doch sanft zu sein, zur Unzeit, das ist hässlich, denn es ist feig!“ Doch, und das ist das Entscheidende, führt er diese Erkenntnis nicht in voller Konsequenz durch.

Er verlässt seine Diotima und zieht in den Krieg. Aber was er dort sieht, bewegt ihn zur finalen Abkehr, obwohl er zugegebenermaßen schon vorher nicht wirklich standhaft wirkte. Er kommt zu einem Bergvolk, das er vorher nur als eine Horde Wilder betrachtete, aber plötzlich mit glänzenden Augen als „sein“ Kriegsvolk besingt, welches er in einen glorreichen Krieg führen wird. Die Desillusionierung folgt schnell, denn nach einem erbitterten Kampf plündern sie die Häuser ihrer Landsleute und töten einige von ihnen. Hier werden die Grenzen undeutlich zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Hyperion und Hölderlin, den aufständischen Griechen und den Jakobinern, dem Massaker des peloponnesischen Bergvolkes und dem Septembermassaker von 1792.


Die geschichtliche Verhältnismäßigkeit der Gewalt

Wie die meisten seiner Zeitgenossen lehnte Hölderlin die Hinrichtung des Königs ab. Für die Herrschaft des revolutionären Terrors machte er unter anderem den Arzt, Wissenschaftler und späteren Revolutionsführer Jean Paul Marat verantwortlich. Napoleon verehrte er, aber wurde von seiner späteren antirepublikanischen Politik enttäuscht. Wie Hölderlins Briefe an Freunde, Mutter und Schwester zeigen, war er überzeugt von den Ideen der Französischen Revolution, aber entsetzt von den damit einhergehenden Taten. Selbstverständlich waren dies Gräueltaten. Furchtbares musste verrichtet werden, denn Furchtbares war zuvor Alltag derjenigen, die sich jetzt zur Macht emporreckten. Die blutigen Ausfälle der Revolution waren der Zorn der Unterdrückten, die lange zurückgehaltene Gegengewalt, die verrohte Züge annahmen, da sie selbst Jahrhunderte lang verrohte Gewalt erleiden mussten. Beispielhaft ist die Hinrichtung Robert Francois Damiens, der den König bei einem Attentatsversuch leicht verletzte. Er bekam die übliche Strafe für einen derartigen Versuch: die messerführende Hand wurde mit Schwefel versengt. Auf dem Rathausplatz wurden ihm mit glühenden Zangen Fleisch aus den Armen, Brustwarzen, Schenkeln und Waden gerissen. In die Wunden goss der Henker siedendes Öl, geschmolzenes Wachs und Schwefel. Während aus angemieteten Zimmern gehobene Damen mit Operngläsern zusahen, wie seine Gliedmaßen von daran festgebundenen Pferden ausgerissen wurden, starb Damien, und das Spektakel war vorbei. Das ist eine brutale Hinrichtung, die man gegen das Fallbeil der Guillotine aufwiegen kann. Doch werden viele – vermutlich auch Hölderlin selbst – einwenden: Was ist mit den 1200 Menschen, die im Rahmen des Septembermassakers ermordet wurden? Unter ihnen waren doch nicht nur Aristokraten, Priester und Ordensleute, die den Eid auf die republikanische Verfassung verweigert hatten, sondern auch unschuldige Franzosen und Französinnen. Was ist mit den 25.000 bis 40.000 unter der Terrorherrschaft gestorbenen Menschen, die teilweise hingerichtet wurden, weil ihnen die Revolution egal war? Sicher ist das alles nicht zweckmäßig zu rechtfertigen, doch abgesehen davon, dass man diese Vorgänge als paranoide Reaktion auf die Intrigen der Royalisten und Girondisten auffassen kann, die sich durch eine konstitutionelle Monarchie ihre Vormachtstellung und privaten Reichtum sichern wollten, könnte man ebenso zurückfragen: Was ist mit den 600.000 Franzosen und Französinnen, die während des Jahrtausendwinters 1708/9 verhungerten und erfroren, während man sich im Schloss Versailles über aufgrund der Kälte platzende Likörflaschen wunderte und der König sich ein wärmeres Schlafgemach einrichten ließ. Was ist mit den 200 Millionen Menschen in Europa, die jahrhundertelang zuvor in einem Sumpf aus Armut, Krankheit und Tod lebten? Um mit dem Philosophen Hans Heinz Holz zu sprechen: „Natürlich geschah dies alles [der Terror] außerhalb der Gesetzlichkeit. Gesetze dienen immer dem Schutz der bestehenden Ordnung. Die Brutalität der Herrschaftsausübung war legal, die Barbarei des Umsturzes ist illegal. Der Ubergang einer Ordnung in eine neue Ordnung geschieht, indem Gesetze gebrochen werden, bis neue Gesetze entworfen, eingeführt, durchgesetzt sind. Wer die Ungerechtigkeit des königlichen Schandgerichts brechen wollte, durfte nicht davor zurückschrecken, die Rechtsordnung selbst zu brechen. Eben dieser Bruch ist die Revolution.“ Und weiter: „Der Terror ist ein intrinsisches Phänomen der Revolution und nicht nach moralisierenden Maßstäben zu beurteilen. Wer die Revolution und ihr Ergebnis will, kann die Schreckensherrschaft nicht verdammen.“


Pazifismus oder Privilegienerhalt?

Ebenso wie Hyperion quasi-materialistisch erkennt, dass die von ihm bewunderte athenische Kunst, Religion, Philosophie und Staatsform Blüten und Früchte eines Baumes sind und nicht Boden und Wurzel, hätte er erkennen müssen, dass Gewalt und Terror ebensolche Früchte sind, die wachsen, wenn der Boden schlecht ist. Doch diese Reaktionen des sogenannten Pöbels schreckten Hölderlin ab. Dabei wurde er selbst als lohnabhängiger Hauslehrer mit verhältnismäßig niedriger sozialer Stellung gedemütigt und hätte ahnen können, wie sich noch weniger privilegierte Menschen fühlen mussten. Seine idealistische Schwärmereien, das Gerede von einem gotterfüllten Raum, diese religiös-humanistische Verblendung, konnten nicht in der harten Realität bestehen. Hölderlins revolutionärer Antrieb ist schöngeistige Eitelkeit, sonst hätte er – und auch Hyperion – beständig den Schulterschluss mit den einfachen Menschen gesucht, um einen Freistaat zu gründen, der vielleicht nicht erst durch rohe Gewalt hätte ermöglicht werden müssen. Selbst die Figur des Empedokles, die in einem späteren Dramenfragment Hölderlins genau dies tut, geht aus unersichtlichen Gründen in den Freitod und stürzt sich in den Schlund des Ätnas, anstatt eine Revolution gegen den autokratischen Herrscher zu führen.

Hölderlin hantiert mit Begriffen von Freiheit und Gleichheit, aber denkt diese innerhalb einer von ihm akzeptierten Gesellschaft, welche die Realisation dieser Begriffe aktiv verunmöglicht. Man wünschte sich fast, dass er sich die Worte von Jacques Roux, einem zum Revolutionär gewordenen Priester, zu Herzen genommen hätte, der da sagte: „Die Gleichheit ist ein leerer Wahn, solange der Reiche mit dem Monopol das Recht über Leben und Tod seiner Mitmenschen ausübt.“ Insofern ist Hyperion wortwörtlich „der oben Wandelnde“ – und es wäre nötig gewesen, ihn auf den materiellen Grund revolutionärer Vorgänge herunterzuholen. So liegt im letzten Brief des ersten Bandes die vermutlich treffendste Selbsterkenntnis des Hyperion, wenn er schreibt: „Ich bilde im Geiste, aber ich weiß noch die Hand nicht zu führen.“


Dichter der Herrschenden

Hölderlin war also Revolutionär im Geiste, aber sein Wille war es nicht, denn er stand mit einem Bein in der bürgerlichen und durch Absolutismus, Pietismus und Stände beschränkten Welt. Vielleicht ahnte er, dass das, was er eigentlich wollte, nur mit Blutzoll erreichbar war. Und diese innere Zerrissenheit, gepaart mit dem Tod seiner Mutter und Susette Gontard, war es, was ihn letztendlich in den Wahnsinn trieb und dazu führte, dass er die zweite Hälfte seines Lebens geistig umnachtet in einem Turm über dem Neckar verbrachte.

Ähnlich dachte vermutlich Peter Weiss, als er in seinem großartigen Stück über Hölderlin den  Dichter als Person inszenierte, die an den Bedingungen ihrer Zeit zu Bruch geht. Doch Weiss scheint die Schwächen dieses geistig-revolutionären Poeten zu verzeihen, da er enorme Kraft aus seinen Werken schöpfte, wie auch in seinem Opus magnum, „Die Ästhetik des Widerstands“, deutlich wird. So sagt Weiss in seinem Stück, schützend die Hände über Hölderlin ausbreitend, fast schon mit einer gewissen Komik aus Marxens Mund:

„Dass Sie
ein halbes Jahrhundert zuvor
die Umwälzung nicht
als wissenschaftlich begründete
Notwendigkeit sondern
als mythologische Ahnung
beschrieben
ist Ihr Fehler nicht“

Wobei er doch ironischerweise einige Jahre zuvor in seinem ebenso genialen Marat/Sade schrieb:

„Sie verachten euch
weil ihr es euch nie habt leisten können
lesen und schreiben zu lernen
Zur groben Arbeit der Revolution taugtet ihr ihnen
doch sie rümpfen die Nase über euch
weil euer Schweiß stinkt
Unten sollt ihr sitzen
weit weg von ihnen
dass sich das neue Zeitalter entfalte
Und wieder taugt ihr ihnen zur gro¨bsten Arbeit
während oben ihre Dichter
von gewaltigen Lebensströmungen sprechen
und während ihre Machenschaften
verbrämt werden von hochentwickelter Kunst
und verfeinertem Luxus“

Welche Möglichkeiten die hellen Geister des deutschen Idealismus gehabt hätten, wenn sie sich von ihrem hohen Ross herabbegeben und ihre intellektuellen Vorstellungen auch in der wirklichen Welt verfochten hätten. Doch sie fürchteten um ihre eigene Stellung, ihre eigene Existenz an den Höfen  und in den Universitäten. Und so gedachte Hegel nur im Stillen dem Jahrestag der Stürmung auf die Bastille. Allein im gemütlichen Zuhause. Bei einem stillen Glas Rotwein. Sie waren eben nur halbherzige Revolutionäre. Die andere Hälfte des Herzens schlug für ihre Privilegien.

Kurzvita Lukas Schepers »
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