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Lioba Happel: Puls. 100 Gedichte

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

100 Gedichte von Lioba Happel


„Erschaffe Lyrik, kümmer dich darum
Der Geist der Revoluzzer ist zu toppen
Gepresst in Zeitläufe & Klingelton
Kaufhausverandgerecht und nimmermehr zu stoppen“

So schreibt Lioba Happel nach der Lektüre von Majakowski-Versen. Und es schwingt, wie oft in ihren eigenen Gedichten, viel darin mit, was zunächst nur wie ein Bauteil des großen Ganzen wirkt. Schon im ersten Satz schallen zwei Befehle – aber an wen sind sie gerichtet? Das befehlende Element könnte der Klang der Majakowski-Poeme sein oder die Autorin, die sich selbst maßregelt. Oder sich selbst dazu anhält, die Inspiration aufzugreifen.

Es ist, was selten genug vorkommt, ein schöner Befehl, wegen dem Zusatz: kümmere dich darum. Worum? Um etwas, um alles, scheint das Gedicht zu rufen, zur Hälfte haltlos, zur Hälfte entschlossen. Dass das Schreiben von Lyrik hier mit Kümmern gleichgesetzt wird, rührt nicht nur, es rührt auch an einer tieferen Wahrheit, die von manchen Dichter*innen gerne ausgeblendet wird: dass Lyrik auch ein fragiles, unbeholfenes Sprechen ist und dass darin nicht nur eine bestimmende, sondern auch eine nachspürende Regung zum Ausdruck gebracht wird, die auf ihr Objekt eingeht, darauf antwortet, statt es zu definieren und zu zerlegen.

In der zweiten Zeile bekommt das Vorangegangene noch eine zusätzliche Dimension: nicht nur Kümmern kann die Lyrik, sie kann auch die simplen Töne des politischen Geschreis über-flügeln. Oder ist Majakowski gemeint, den es zu „toppen“ gilt? Wendet sich das Gedicht hier gegen die Futuristen?
    Ich denke, dass es wohl tatsächlich eher ein Seitenhieb ist, der auf die großen Umstürzler und Redenschwinger abzielt, auf die einfachen Freund-/Feindbildmaler – vielleicht richtet es sich zusätzlich noch gegen jene, die meinen, sie würden die Lyrik mit ihren Gedichten revolutionieren und die dabei gelegentlich die kommunikative und „kümmernde“ Praxis des Gedichts aus den Augen verlieren.

Auf der Welle, die die ersten beiden Zeilen aufbauen, surfen dann die beiden folgenden, die weniger Substanz haben und einen harten, eher verengenden Kurswechsel vornehmen. Diese Kurswechsel kommen öfter vor in Happels Gedichten; manchmal sind sie heftig, manchmal schwammig, manchmal bestechend und dynamisch, doch fast immer vollziehen sie einen Bruch im Gedicht.

„Fatal, voll Eigensinn und von verwegener Dummheit
ist die Schönheit. Sie wirft mich in mein Haus zurück
wo ich sofort die Zeitung lese“
     
Mal dick aufgetragen, mal splitternd, mal sanft – Happels Gedichte kennen viele Modi, viele Konturen, haben eine sehr agile Konstitution. Wären sie eine Erdregion, dann wäre das Wetter in ihnen sehr unbeständig.
    Es ist verblüffend, wie mich manchmal eine Zeile in ihren Gedichten ganz gefangen nimmt, mir essenziel erscheint, derweil mir der Rest des Gedichtes kaum etwas von dieser Tragweite vermittelt. Auch das Gegenstück gibt es: filigran komponierte Gedichte, in denen dann die eine oder andere Zeile aus dem Ruder läuft, wie ein unmontiertes Brett, nur lose ins Gedicht hineingelegt und nicht wirklich belastbar.  

„jedenfalls war ich heut nacht im park
jedenfalls gibts da wilde tiere

der erste ein herzog, der zweite am geigen
der dritte ein tanzbär, der vierte leibeigen

jedenfalls lieber gott vielen dank
da blühte auch einmal ein blümlein

da kannste mal sehen was übrig bleibt
bei tage im hellen mondenschein“
                       
Es wäre leicht, diese Unbeständigkeit als Schlampigkeit, als negativen Aspekt abzutun. Doch diese Unbeständigkeit ist eben auch eine Unberechenbarkeit, die nicht nur irritiert, sondern auch verblüfft, die nicht nur nervt, sondern auch ganze neue Pfade und Gedanken erschließt und dabei sogar manchmal von unkonventionellen Verbindungen und Tempowechseln profitiert. Sie ist nicht nur ein Fehler, sondern auch ein Feature. Sie steckt das Feld, in dem sich die Gedichte umtun können, breiter ab und genauso wirken die Gedichte dann auch: Wie Freilandlyrik, die mehr Bewegung, mehr Platz, mehr Spielraum hat – und etwas daraus macht.
 
Auch thematisch ist diese Auswahl ein weites Feld. Privates und Kosmisches wird verhandelt, jedes Gedicht scheint neu auszuholen, mit einem individuellen Fokus. Ich bin immer sehr skeptisch, wenn Leute bei einem Lyrikband sagen: da ist für jeden was dabei. Das klingt dann mehr nach Beliebigkeit, nach angepasster Seichtheit oder Anbiederung, nicht nach einer großen stilistischen Bandbreite.

Aber bei Lioba Happels hundert Gedichten neige ich zu der Ansicht, dass eine solche Einschätzung vielleicht gar nicht so verkehrt wäre. Denn manche ihrer Gedichte sind von einer Einfachheit, die schon fast etwas Reduziertes, Karges hat, ihre Sprache kann aber auch laut aufheulen oder sich, wie in diesem Gedicht über den Hamburger Hafen, in Kreationen und pittoresken Tönen versteigen.

„Schiffsleiber sind Bezwinger
Herrschaftsungetüme, auch signalweiß

dicke Barone der öden Elbe

mit fingerndem Winken auf Bugburgen
Fliehfahnen“
             
Zusammengehalten werden diese verschiedenen Ansätze durch einen sich immer wieder neu der lyrischen Aufgabe zuwendenden Antrieb; durch etwas Suchendes, das die Gedichte, bei allen Qualitätsunterschieden, anwirft und belebt. Immer wieder scheint die Frage im Raum zu stehen: Wie kann man die Welt noch durch das Okular der Verse betrachten. Es gibt da allerhand Möglichkeiten, und Lioba Happel hat ihre eigenen hundert mit viel Leidenschaft durchexerziert.

„wir wissen dass diese erde endlich ist und dass wir zugrunde gehen
und wir lachen
wir wissen dass diese milchstraße verkocht
und wir fassen uns an
wir wissen dass unser planet abstürzt
wir leben
[…]
unsere körper trotten den lämmern der jahre hinterdrein“
             

Lioba Happel: Puls. 100 Gedichte. Wadenswil (edition pudelundpinscher) 2017. 168 S. 19,00 Euro.
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