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Latinale 2017 - Lina Nieves Avilés: Zwei Gedichte

´Barrio latino












Foto: privat


Lina Nieves Avilés

Aus dem puertoricanischen Spanisch übertragen von Diana Grothues


I
Franja Negra



Cuando un cadáver nada entre las olas
se habla de su boca hinchada
también de su lengua rosa.

El horizonte despliega una franja negra,
que separa el día de la noche,
el hombre del niño,
los vivos de los muertos.

Y hay un orden que dispone un camino entre las olas.

Cuando un cadáver explota entre las aguas,
nace un silbido.
Las tripas conforman globos a la deriva
y la sal quema el aspecto táctil
del brillo en sus retinas.

El cadáver que navega,
regala sus uñas al paso de los días,
pues no sabe que mencionar el nombre del viento
es poder cesar el uso y los excesos.

No conoce ni nombra la hora funesta
y conforme al vuelo indefinido de los días
su naturaleza llagada
continuará avanzando sobre la sal y la marea.

I
Schwarzer Streifen



Wenn eine Leiche in den Wellen schwimmt
spricht man über ihren aufgedunsenen Mund
sowie über ihre rosafarbene Zunge.

Der Horizont entfaltet einen schwarzen Streifen,
der den Tag von der Nacht trennt,
den Mann vom Kind,
die Lebenden von den Toten.

Und es gibt eine Ordnung, die sich den Weg durch die Wellen bahnt.

Wenn eine Leiche im Wasser explodiert,
ertönt ein Pfeifen.
Die Eingeweide bilden dahintreibende Ballons
und Salz verbrennt die ertastbare Seite
des Glanzes ihrer Netzhaut.

Die Leiche, die dahindriftet,
verschenkt ihre Nägel im Laufe der Tage,
denn sie weiß nicht, dass den Namen des Windes zu erwähnen
ihr ermöglicht, Abnutzung und Exzesse zu beenden.

Weder kennt noch benennt sie die unheilvolle Stunde
und im unbestimmten Verfliegen der Tage
wird ihre aufgeblähte Gestalt
sich weiter über Salz und Seewind fortbewegen.

III

.01: Sargazos



El espacio que se abre y se cierra,
que respira de atrás hacia delante,
es, en su naturaleza,
una forma indeterminada.

El mar informal y fértil,
el de las aguas inferiores,
es alimento de los mejores monstruos marinos.


.02: Meandros


La isla que logra gozar de su silueta
no tiene principio ni fin,
su moldura se presenta como el agregado
de los posibles.

Y ella, la isla,
es siempre su propia evacuación.

Su composición es de tan sólo una sola soledad.

III

.01: Sargassosee



Der Raum, der sich öffnet und schließt,
der ein- und ausatmet,
ist von seiner Natur her
eine unbestimmte Form.

Das ungezwungene und fruchtbare Meer,
das der niederen Gewässer,
gibt den besten Seeungeheuern Nahrung.


.02: Mäander


Die Insel, der es gelingt, ihre Silhouette zu genießen
hat weder Anfang noch Ende,
ihre Formgebung wird als Aggregat der Möglichkeiten dargestellt.


Und sie, die Insel,
ist immer ihre eigene Evakuierung.

Ihr Zusammenhalt besteht aus nur einer einzigen Einsamkeit.


Lina Nieves Avilés, geboren 1984, stammt aus Puerto Rico und lebt in Berlin. Sie ist Tänzerin und Autorin lyrischer Texte, die auf filigrane Weise zwischen Eskapismus und Materialismus oszillieren und vom karibischen Neobarock beeinflusst sind. Viele ihrer Texte haben das Meer zum Thema. An der deutschen Sprache schätzt die Autorin besonders der „Schr“-Laut.


Lina Nieves Avilés
ist mit der Latinale 2017 in Berlin am 19.10. um 18 Uhr im Ibero-Amerikanisches Institut, Simón-Bolívar-Saal, sowie am 20.10. um 19:30 Uhr in der Lettretage
und in Osnabrück am 24.10. um 13 Uhr, sowie um 18:30 im Literaturbüro Westniedersachsen.



Zusammengestellt von Timo Berger, Rike Bolte und Laura Haber


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