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Latinale 2017 - Alejandro Tarrab: Schwarzer Nachgeschmack

´Barrio latino






























Foto: privat


Alejandro Tarrab

Aus dem mexikanischen Spanisch übertragen von Rike Bolte


Aus:
SCHWARZER NACHGESCHMACK (VIERHÄNDIG VERFASSTE SELBTSMORD-AUFZEICHNUNGEN)


[im Original durchgestrichene Erläuterung]

[…]
*

Neunzehnhundertsiebenundsiebzig. Ich befinde mich im Lichthof
einer verlöschenden Sonne, unterwegs auf einem mächtigen, sich in
der Abenddämmerung rot färbenden Fisch. Die Städte wurden nicht
verheert. Noch fallen Blätter aus den Nestern und die Vögel kehren
zu ihrer Angelegenheit zurück, nur ist das Gestrüpp ein anderes,
sind da andere eiserne, räuberische Füchse.

Wesen, denen ich nicht mehr beiwohnen werde.

Selbstverständlich sind da Passanten, die in Canton das
“Seiltanzlied ” singen, ihre Regenschirme unter den Sauren Regen
von Seattle spannen, selbstverständlich gibt es wunderbare Kinder,
die in Zungen sprechen an den Mauern von Darʿā , kleine
purpurrote Fische schlängeln sich lachend durch deine blau
angelaufenen Finger, selbstverständlich gibt es Polizeieinheiten, die
die Weltüberbevölkerungen quälen und zum Schweigen bringen (ich
kann sie sehen, sie haben Walkie Talkies geschultert, dünsten Statik
und Asche aus), selbstverständlich gibt es in Missouri Kleider aus
Batist, liegen arktische Stiere hingeworfen auf den Weiden der
Mongolei, gibt es Frauen mit leinenverbundenen Fäusten, die in
Santa Rosa der Boxerei nachgehen—ich war stark, sagten meine
Fecht-Freunde, aber ich gab den Irrsinn selbstverständlich auf—
selbstverständlich. Selbstverständlich wird es Felsinschriften geben,
vom Himmel fallenden Schutt umgeben von Feuerbällen, Überreste,
die verehrt und verdammt sein werden, Überreste, die auf
Steintafeln niedergelegt werden, um die Dürre oder die übermäßige
Feuchtigkeit zu bezeugen, die Trockenzeit, Alphabete werden wie
Abfall in den Glaskörpern der Augen schwimmen, an den
Landungsbrücken, wo sie ihre Brüste geleert haben, werden
heisere, salzige Stimmen sprechen, Tod und Auferstehung werden
herrschen, Wunder über die Krone des Geschlechts hinweg,
Menschen, die wie wild Tiere unterschiedlichster Gattung besteigen,
und Tiere, die Eschenhügel völlig allein erklimmen.
Selbstverständlich liebte ich einen Mann und badete bei Gewitter mit
ihm im Dunkeln. Wir ließen uns gehen in Angst und ritten dahin,
jeder für sich, auf dem mächtigen roten Fisch, jeder in seinem
eigenen Gewissen.

(Er hatte den Eindruck, ein riesiger Fisch habe ihn an der Nase
eingehakt und zöge ihn unwillentlich, doch mit seinem eigenen
Einverständnis durch die Fluten).

Dinge, denen ich nicht mehr beiwohnen werde, Körper und Orte,
denen ich nicht mehr beiwohnen werde.


Vorstellbar wäre, dass sich der Raum selbst verschlingt, die Zeit
verschlingt und die schwachen Stimmen meiner Unbekannten. Doch
ich behaupte, dass der Raum durch einen Handschlag und unter
meiner Herrschaft erlischt.

Ich beherrsche weder den Raum noch die Mondzyklen der Mahd
und der Ernte, doch ich beherrsche die Hand, den Hunger der Hand,
die eine Zeit abschneiden wird, für mich, durch mich selbst.

*

1977. Mit einem Ersoffenen in den Nieren, der Kopf.  All meine Kraft
besteht daraus, mich maschinenhaft von diesen bis zu den Knien
überschwemmten und Hals über Kopf von wilden Wassern
übergelaufenen, aus dem Flusslauf geratenen Menschen zu
entfernen. Dieser Ersoffene, das seid Ihr, Ihr alle, ich
vergegenwärtige Euch und schaffe Euch aus meinem Körper, aus
den Nieren meines Haupts.

Mit “maschinenhaft” meine ich mit den Beinen und dem eigenen
Gleichgewicht, vor allem aber sage ich Haken, in der Erde während
meines Voranschreitens verhakte Harpunen.



Es gibt keine sanfte Weise dafür. Glaubt mir, Jägerjunge, mein
Schiffssteuermann, glaubt mir, Mädchen, das du mir an die Seite
geheftet bist, mein süßes büffelfarbenes Mädchen. Es gibt keine
sanfte Weise dafür. All meine Kraft besteht daraus, die Wurzeln aus
meiner Brust zu reißen, wo sie zu Tage treten, Euch alle wie in
einer zweiten Geburt auszustoßen.  Weil wir bereits in dunklen, doch
sehr weit voneinander entfernten Wassern dahinschwimmen. Es gibt
keine sanfte Weise dafür.


All meine Kraft besteht daraus, mich einer Gottheit mitzuteilen,
weitab von Euch.

Wenn ich einen Gott hätte, risse ich ihm die Niere heraus, um sie
dort einzupflanzen, wo meine Kraft sitzt. Denn es heißt, die Nieren
würden sprechen, Rat erteilen.

All meine Kraft besteht daraus, sein Wort einzuhalten noch bevor es
gesprochen ist.  

Das bin ich.                                                         Diese bin ich jetzt.

Ich weiß nicht, was ein Mensch ist, doch ich reiche ihm dieses Blatt,
damit er schreibe.

* * *



RESABIOS NEGROS
(NOTAS SUICIDAS ESCRITAS A CUATRO MANOS)



[En glosa, en el original tachado]



Milnovecientos setenta y siete. Estoy en el halo de un sol que se apaga,
montada en un pez voluminoso y rojo cuando llega la noche. Las ciudades
no fueron arrasadas. Siguen cayendo hojas de los nidos y los pájaros
retornan a su causa, sólo que son otras brozas, otros zorros férreos y
rapaces.

Seres que no presenciaré.

Por supuesto hay transeúntes cantando “la cuerda floja” en Canton,
sosteniendo sus paraguas en Seattle ante la lluvia ácida, por supuesto
hay niños portentosos hablando en lenguas contra los muros de Daraa,
pequeños peces púrpura migran riendo a través de tus dedos morados,
por supuesto hay cuerpos policiacos acallando, torturando a las
sobrepoblaciones del mundo (los veo, llevan motorolas en los hombros,
despiden estáticas y ceniza), por supuesto hay vestidos de organza en
Missouri, toros árticos tirados sobre las praderas en Mongolia, mujeres
ciñendo sus puños con vendajes de lino para boxear en Santa Rosa —yo
era muy fuerte, decían mis amigos del esgrima, pero renuncié por
supuesto a esa locura— por supuesto. Por supuesto habrá escritura sobre
la roca, cascajos venidos del cielo rodeados por globos de fuego, restos
que serán venerados y maldecidos, restos colocados sobre las lápidas
para confirmar la sequía o el exceso de humedad, la sequía, habrá
alfabetos flotando como basura en los vítreos del ojo, voces roncas y
saladas en los embarcaderos en donde ellas vaciaron sus pechos, habrá
deceso y resurrección, milagros sobre la corona del sexo, gente montando
frenéticamente animales de distinta especie y animales remontando las
colinas de los fresnos absolutamente solos. Por supuesto amé a un
hombre y me bañé con él a oscuras durante la tormenta. Nos dejamos con
miedo y cabalgamos, cada uno, el pez voluminoso y rojo cada uno de su
propia conciencia.

(Sintió como si un enorme pez lo hubiera enganchado por la nariz y lo
arrebatara sin querer por las aguas, pero con su propio consentimiento).

Cosas que ya no presenciaré, cuerpos y lugares que ya no presenciaré.


Podría pensarse que el espacio se devorará a sí mismo, devorará el
tiempo y las voces débiles de mis desconocidos. Pero, yo digo, el espacio
se extingue por una mano en mi dominio.

No domino el espacio ni los ciclos lunares de la siega y la recolección,
pero domino la mano, el hambre de la mano que cortará a un tiempo para
mí, por mí misma.

*

1977. Con un ahogado en los riñones, la cabeza. Toda mi fuerza consiste
en alejarme maquinalmente de este ser anegado hasta las rodillas y
rebasado, intempestivamente, por unas aguas feroces, fuera de cauce.
Ese ahogado son ustedes, todos ustedes, los presento y me los saco del
cuerpo, de los riñones de la testa.

Por “maquinalmente” quiero decir con las piernas y el balance propio, pero
ante todo digo garfios, arpones clavados en la tierra mientras avanzo.

Dejo a mi ahogado, todos ustedes, para sumergirme en lo que llama.


No hay forma de hacerlo suave. Créanme, hijo cazador, mi piloto de las
naves, créanme, mi niña cosida a mi costado, mi dulce niña color búfalo.
No hay forma de hacerlo suave. Toda mi fuerza consiste en arrancar de
nacimiento las raíces de mi pecho, todos ustedes, sacándolos de mi
cuerpo en segundo parto. Porque nadamos ya en aguas oscuras pero
muy distantes. No hay forma de hacerlo suave.


Toda mi fuerza consiste en darme a entender para dios, lejos de ustedes.

Si tuviera un dios le arrancaría los riñones para ponerlos donde va la mía.
Porque, dicen, los riñones hablan, aconsejan.

Toda mi fuerza reside en cumplir su palabra incluso antes de que sea
dada.

Esto soy.                                                                  Ésta soy ahora.

No sé qué es un hombre pero le tiendo el papel para que escriba.

* * *


Alejandro Tarrab wurde 1971 in Mexiko-Stadt geboren, studiert Hebräisch und schreibt über Büffel.


Alejandro Tarrab
ist mit der Latinale 2017 in Berlin am 20.10. um 12 Uhr in der Pablo-Neruda-Bibliothek, sowie um 19:30 Uhr in der Lettretage, sowie am 22.10. um 11 Uhr in der Buchhandlung Amarcord.



Zusammengestellt von Timo Berger, Rike Bolte und Laura Haber


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