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Latinale 2017 - Adelaide Ivánova: der aasgeier

´Barrio latino













Foto: Pedro Pinho


Adelaide Ivánova

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Christiane Quandt


o urubu

corpo de delito é
a expressão usada
para os casos de
infração em que há
no local marcas do evento
infracional
fazendo do corpo
um lugar e de delito
um adjetivo o exame
consiste em ver e ser
visto (festas também
consistem disso)

deitada numa maca com
quatro médicos ao meu redor
conversando ao mesmo tempo
sobre mucosas a greve
a falta de copos descartáveis
e decidindo diante de minhas pernas
abertas se depois do
expediente iam todos pro bar
o doutor do instituto
de medicina legal escreveu seu laudo
sem olhar pra minha cara
e falando no celular

eu e o doutor temos um corpo
e pelo menos outra coisa em comum:
adoramos telefonar e ir pro bar
o doutor é uma pessoa
lida com mortos e mulheres vivas
(que ele chama de peças)
com coisas.

der aasgeier

corpus delicti dieser
ausdruck wird verwendet
im falle von vergehen
in denen am tatort
spuren bleiben von jenem
gesetzesbruch
der aus dem körper einen
ort macht und aus der tat
ein adjektiv untersuchen
bedeutet sehen und gesehen
werden (partys sind ja
nichts anderes)

auf einer bahre liegend
vier ärzte um mich herum
die alle gleichzeitig sprechen
über schleimhäute den streik
den mangel an einwegbechern
und vor meinen gespreizten beinen
entscheiden ob sie nach der
arbeit zusammen in die kneipe gehen
der arzt vom institut
für rechtsmedizin schrieb sein gutachten
ohne mir ins gesicht zu sehn
und telefonierte dabei

ich und der arzt haben einen körper
und mindestens noch eine sache gemein:
wir mögen kneipen und telefonieren
der arzt ist ein mensch
der mit toten und mit lebendigen frauen
umgeht (sie beweisstücke nennt)
als wären sie dinge.

Adelaide Ivánova, geboren 1982 im brasilianischen Recife, ist Aktivistin und Journalistin. Sie arbeitet als Lyrikerin, Photographin, Übersetzerin und Herausgeberin. Von ihr erschienen drei Gedichtbände: „autotomy (…)“ (São Paulo: Pingado-Prés, 2014), „Polaróides“ (Recife: Césarea, 2014) und „O martelo“ (Lissabon: Douda Correria, 2016/Rio de Janeiro: Garupa, 2017). Derzeit gibt sie das anarchistische-feministische Magazin „MAIS PORNÔ, PVFR!“ heraus und schreibt für die Zeitschrift Revista Pessoa eine monatliche Kolumne über in Deutschland lebende, nicht-deutsche LyrikerInnen. Ivánova pendelt zwischen Berlin und Köln.


Adelaide Ivánova
ist mit der Latinale 2017 in Berlin am 20.10. um 12 - 16 Uhr in der Pablo-Neruda-Bibliothek
sowie am 20.10. um 19:30 Uhr in der Lettretage,
sowie am 22.10. um 11 Uhr in der Buchhandlung Amarcord.


Zusammengestellt von Timo Berger, Rike Bolte und Laura Haber


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