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lateinamerika lesen - Xitlalitl Rodríguez Mendoza: Poemarin

´Barrio latino


















Foto: Francisco Espinosa Magaña


Xitlalitl Rodríguez Mendoza

Aus dem Spanischen von Diana Grothues


Poemazol

Esta mañana
antes de ir al trabajo
fui a la Súper
Farmacia de Dios,
donde además de medicinas
venden recetas.

La doctora, una década
menor que yo,
me habla de usted
pero dice que los pacientes somos
como niñitos
aprendiendo a caminar
y eso la pone en el papel
de mi madre.

Me regaña porque
no me gusta la fruta
y me hizo recordar
a María Auxiliadora,
muchas gracias,
bata blanca.

Me dice que no debo
ingerir
chile
alcohol
grasa
legumbres
cucurbitáceas,
ahora me
recuerda a
ese escritor
¿o era una oveja?
que ya en el
XIX las advertía.

Me pregunta si
manejo: no lo hago.
Entonces, dice,
no tengo nada
de qué preocuparme.

Mi diagnóstico es
gastritis
y una colitis
de miedo, eso
dice: de miedo.

En mi oficina
me advirtieron
que podrían correrme
si sigo llegando
tarde
pero no duermo
por pensar en que
otra vez
me quedaré
dormida y voy a retrasarme
y esa angustia me quita
el sueño y al día siguiente
no puedo despertar,
es así que llego
doblada de dolor
a la oficina.
Tarde, doc.

Ahora debo
dejar de comer
lo que me gusta y
mantenerme sana.

Salud para trabajar,
salud para pagarle,
salud para atender
las alertas de la Organización
Mundial de la Salud.

Y yo lo que quisiera
es que usted me ayudara
a morir, doc,
poco a poco,
a vivir
largamente,
vigilarme
hasta el paso angosto
de una vejez con mi
único objetivo profesional:
no pagar renta
ni cumplir con un horario
de oficina
y así tener tiempo
de ver crecer
helechos que
como yo
transportan en el aire
insectos metálicos
de esta ciudad ya extinta.

En pocas palabras, doctora,
sólo quisiera morir
sin preocuparme de
llevar ideas con punch
a la junta del siguiente lunes.


Poemarin

Heute morgen
noch vor der Arbeit
ging ich zur Súper
Farmacia de Dios
,
dort verkaufen sie neben Medikamenten
auch Rezepte.

Die Ärztin, ein Jahrzehnt
jünger als ich,
siezt mich
sagt aber, wir Patienten seien wie
kleine Kinder
die laufen lernen
und das verschafft ihr die Rolle
meiner Mutter.

Sie schimpft mit mir
weil ich kein Obst mag
und sie erinnert mich
an Maria Hilf,
vielen Dank,
Weißkittel.

Sie sagt mir, ich soll mich
fernhalten von
Chili
Alkohol
Fett
Hülsenfrüchten
Kürbisgewächsen,
jetzt erinnert
sie mich an
diesen Schriftsteller
– oder war es ein Schaf?
der schon im
19. Jahrhundert davor warnte.

Sie fragt mich, ob
ich Auto fahre: tu ich nicht.
Dann hätte ich, so
sagt sie,
nichts zu befürchten.

Meine Diagnose lautet
Gastritis
und Kolitis
aus Angst, sagt
sie: aus Angst.

Im Büro
weist man mich darauf hin,
ich könnte gefeuert werden
wenn ich weiterhin zu spät
komme
aber ich liege wach
weil ich befürchte
zu verschlafen
und zu spät zu kommen
und diese Beklemmung raubt
mir den Schlaf und am nächsten Tag
kann ich nicht aufwachen,
und so komme ich
gekrümmt vor Schmerz
ins Büro.
Zu spät, Dok.


Jetzt soll ich
das nicht mehr essen,
was mir schmeckt und
auf meine Gesundheit achten.

Gesundheit um zu arbeiten,
Gesundheit um zu bezahlen,
Gesundheit um die Warnungen
der Weltgesundheitsorganisation
zu beachten.

Und was ich eigentlich möchte,
ist, dass Sie mir beim
Sterben helfen, Dok,
Stück für Stück,
dabei, lange
zu leben,
dass Sie mich beaufsichtigen
bis hin zu dem schmalen Pfad
des Alters mit meinem
einzigen beruflichen Ziel:
weder Miete zu bezahlen
noch Arbeitszeiten
einzuhalten
und so Zeit zu haben,
um Farne beim Wachsen
zu beobachten
die wie ich
metallische Insekten
dieser bereits ausgestorbenen Stadt
durch die Lüfte transportieren.

Kurzum, Frau Doktor,
ich würde einfach gerne sterben
ohne mich darum sorgen zu müssen,
ob meine Ideen für die Sitzung am Montag
auch genug Punch haben.

Quelle
alba.lateinamerika lesen Ausgabe 10, Berlin: 2017


Kommentar

Das „Poemarin”, eine bemerkenswerte Medizin, ist ein Akt der Verweigerung: Die poetische Stimme wendet sich mit ihren Beschwerden an eine Ärztin. Diese empfiehlt, Gefahren und Genüssen auszuweichen, gesund zu bleiben und zu funktionieren. Aber das Ich möchte keine Arbeitszeiten einhalten, keine Miete zahlen und keine Leistung nach Plan erbringen, sondern den Farnen beim Wachsen in der ausgestorbenen Stadt zusehen. Das Gedicht wird mit Versen, die an langsam vorwärts schreitenden Schritte erinnern, zum Widerstand gegen die Forderung nach genug „Punch“ am Montagmorgen und proklamiert das Innehalten, Sehen und Vergehenlassen. Xitlalitl Rodríguez Mendoza spielt in ihrer Poesie innovativ mit der Dichotomie Natur-Kultur, ruft Tierisches und Pflanzliches auf den Plan, das der getakteten, technisierten Arbeitswelt Gegengewicht ist, sie ruft Bilder aus der Ikonographie Hollywoods und der Welt der Internet-Memes auf und verarbeitet sie mit Humor und Biss.


Xitlalitl Rodríguez Mendoza (1982, Guadalajara, Mexiko) ist Dichterin und Herausgeberin. Sie hat an der Universidad de Guadalajara Hispanistik studiert und verbrachte ein Auslandssemester an der Université Rennes in Frankreich. Sie ist Autorin der Gedichtbände Jaws [Tiburón] (2015), Apache y otros poemas de vehículos autoimpulsados (2013), Catnip (2012), Datsun (2009) und Polvo lugar (2007). Mit Jaws [Tiburón] gewann sie 2015 den Premio Nacional Poesía Ignacio Manuel Altamirano. Sie war zwei Mal FONCA-Stipendiatin und ihr dichterisches Werk wurde in zahlreichen (inter)nationalen Literaturzeitschriften veröffentlicht. Sie war außerdem Herausgeberin der Zeitschrift Vice México.


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