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Klaus F. Schneider: prêt-à-porter

Rezensionen

Alexandru Bulucz

Haute Couture
 
Zu Klaus F. Schneiders Gedichtband „prêt-à-porter“


Ob der aus dem rumänischen Mediasch stammende „rumäniendeutsche“ Autor Klaus F. Schneider – auch bekannt als reger Facebook-Diskutant, dessen Kommentare ihn aufgrund der zahlreichen Buchstabendreher mehr und mehr zu einem Hermetiker par excellence werden lassen – den Ausgang des Spiels zwischen Titel und Publikationsformat seines neuen Gedichtbandes antizipiert hat, ist fraglich, aber nicht ausgeschlossen. Der mit seinem Nachnamen und der darin befindlichen Berufsbezeichnung jonglierende Lyriker hat sich für den Titel „prêt-à-porter“ entschieden, obwohl es ansonsten in keinem Gedicht auftaucht: Was nur scheinbar in den Pariser Modesalons der Dreißigerjahre seinen Ursprung hat, geht auf die uralten homerischen Metaphern des Webstuhls, des Webens, der Schuss- und Kettfäden zurück. Die in dem Gedichtband verhandelten Fragen der Textlichkeit, Textilität, Sprachlichkeit, Stofflichkeit, Materialität zeugen nicht zuletzt also von einem ausgeprägten Bewusstsein für die eigene Tätigkeit als Lyriker und (Sprache zusammen-setzender, nähender, rhythmisierender, metrisierender) Schneider. Nun lässt sich nicht behaupten, dass hier jemand Lyrik „von der Stange“ – ready-to-wear-/ prêt-à-porter-Lyrik – konfektioniert hätte, schon deshalb nicht, weil der Band aufgrund seiner ISBN-losen Exklusivität – „200 signierte und nummerierte Exemplare“ – seinen Charakter als Massenware-Buch zu verlieren droht. Die Limitierung der Stückzahl (was allerdings für die meisten Lyrikveröffentlichungen gilt), die Nummerierung aller Exemplare, die Signierung eines jeden einzelnen, die Unbestellbarkeit über den Buchhandel, die Vertriebslosigkeit, das heißt: die Beschickung von Käufern und Rezensenten fast ausschließlich durch den Schneider selbst, die Unauffindbarkeit des Bandes in den Katalogen der DNB, die anteasernde Leseprobehaftigkeit des Heftchens, welches nur aus 15 Gedichten auf (mit allem Drum und Dran) 32 Seiten besteht – all dies macht des Schneiders Lyrik beinah zu Haute Couture, zu „gehobener Schneiderei“. Diese maßgeschneiderte Lyrik ist ihr eigenes Branding, und zwar auch dann, wenn sie Gehobenes aufs Korn nimmt: „dieses gedicht lacht sich in die geballte faust. / es ist nackt. so fährt es in hoheitliche paraden.“ (22)

Schneider, studierter Germanist, macht keinen Hehl daraus, dass er (auch aufgrund seines Jahrgangs (1958)) mit allen Wassern des strukturalistischen und poststrukturalistischen Theorie- und Diskurskonglomerats gewaschen ist: „was erst einem spazier-gang glich, eine art abstecher, / geriet zusehends zum anstieg auf die höhen / von theorien, an denen kein weg vorbeiführte“ (10). Im Gegenteil: Er schreibt ausdrücklich unter dem Joch dieses Bezugssystems und verortet sich also dort, wozu der unstudierten Leserschaft der Zugang vielleicht versperrt bleibt. (Haute Couture?) Typisch dafür sind Sprachskepsis sowie Sprachreflexivität (die bei ihm ihren Ausdruck finden in der exzessiven Verwendung, Hinterfragung und semantischen Verschiebung von Rede-wendungen), Ironie (Kalauer), fachsprachliches Vokabular und ein ständiger Wechsel der Stimmen, mit denen die Gedichte sprechen – wofür das Trapattoni-Gedicht (vgl. 11f.) in gebrochenem Deutsch ein schönes Beispiel wäre.

In einem Theorie-Gefängnis Poesie zu kreieren, ist nicht leicht. In seltensten Fällen stolpert man, und dies auch noch gleich im ersten Gedicht, über ein unpoetischeres Wort wie den linguistischen Begriff „Aktant“ – „ein gedicht / in dem die aktanten / einkaufen gehen“ (4). Und unser Schneider lässt im weiteren Verlauf ein ganzes Heer an solchem auffahren: „semantik“, „perlokutiv“, „zeichensystem“, „transzendentales grammatikmodell“, „syntax“, „kognitive metapher“, „wortart“ etc. In den seltensten Fällen liest man gelungene Gedichte, in denen sie selbst und ihre eigenen Konstruktionsmittel und -prinzipien (wie „wort“, „komma“, „interpunktion“ etc.) thematisiert werden. Dass diesem Schneider dies dennoch gelingt, grenzt also fast an ein Wunder, auch weil es keineswegs selbstverständlich ist, sinnliche Verlängerungen solcher Abstraktionen und Bilder dafür zu finden.

Mit dem Versuch der Überbrückung und Versöhnung von Abstraktion und Sinnlichkeit spricht Schneider die Differenz zwischen Wirklichkeit und Ausdruck von Wirklichkeit sowie die damit verbundenen Fragen der Identität an. Die Ungewissheit, ob die durch Sprache in Gang gesetzte Entfremdung des Subjekts – „wir übten zu denken, was wir sagten“ (10) – mit derselben Sprache rückgängig zu machen ist, tritt in den unscheinbarsten Bildern zu Tage, wird hie und da aber auch direkt angesprochen: sobald das Ich „ein unabhängiges unternehmen“ wird: „kam an einen unbekannten ort / da blieb ich solange / meine anwesenheit für mich bürgte // als sie zur neige ging folgte ich ihr / und sie führte mich weiter / als ein unabhängiges unternehmen“ (5) – und weiterhin bestrebt bleibt, „eine sinneinheit abzugeben“ (6): „das war nicht ohne weiteres möglich / […] / […] // infolgedessen nahm ich die gewohnheit an / mich für die person zu halten / die genau das tat was mit ihr geschah“ (6). Abgesehen von einigen schwer im Magen liegenden Kalauern – „gelangte erneut an ein ufer / um mitzubekommen wie wasser / und erde sich küsten“ (5), „strand der dinge“ (6) – ist dies das stärkste Gedicht des Bandes.

Selbst in humorigen Gedichten wie in „während mich an der haltestelle eine verspätung“ (7), einem Text, der mit seiner ersten Zeile „während mich an der haltestelle eine verspätung betraf“ die Passivität unterstreicht, in der sich Schneiders Ichs durch den ganzen Band treiben lassen (wie der immer wiederkehrende Hund, der „das nicht mehr mit[macht] endlos durch ein gedicht / oder was auch immer geschleift zu werden“ (16)), weil vielmehr das Geschehen an ihnen teilhat als umgekehrt – selbst in solchen Gedichten, wenn „wir es mal wieder mit der semantik“ zu tun haben, aber nicht Menschen, sondern zwei dialogisierende Fensterläden es sind, die an gebackenen „krapfen“ und gebratenen „karpfen“ darüber verhandeln, ist man davon überzeugt, dass Schneiders Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Entfremdung oder „Entwirklichung“ eine angemessene Tiefe erreicht.

Das Trapattoni-Gedicht in gebrochenem Deutsch, das mit Originalzitaten aus dem bekannten Ausraster des Trainers gespickt ist, stellt eine Zäsur innerhalb von „prêt-à-porter“ dar. Zwar gibt der Band weder seinen Ansatz noch seine Humorigkeit preis, aber sein Ton wird gleichzeitig vernehmbar rauer und aggressiver. Grammatikalität und Verständlichkeit der Gedichte lösen sich allmählich auf – „was komme sprache mir sagen jetzt plotzlich nix mehr gut“ (11) –, bis hin zu Strophen, bei denen oben erwähnte Buchstabendreher und Donald Trumps Wortneuschöpfungen Pate gestanden haben müssen: „aber wrnn ich da sdann genuas mehem wie dermal / geschwiegte auch nocvh udnsos tipepe asl gimer / allergnisnfsa fsdt ejdemalo blposß covfefe“ (14). Die Anzahl der Kalauer nimmt zu. Vulgäres – „die natur wichst sich einen ab und du bekommst / den pantheistischen cumshot voll in die fresse“ (15) – paart sich mit politisch Unkorrektem – „triebableitung gefördert durch langeweile / letzte nacht mit freundlicher unterstützung der extrem feuchten luder / eines bekannten privatsenders“ (16) – und einem zum Teil lästigen, weil keineswegs originellen Lamento über den Literaturbetrieb: „beim schreiben wie beim vögeln / ist mir die lust vergangen. immer etwas beweisen müssen. / nur noch programme die insgeheim ablaufen und erwartungen / die man sich gehalten sieht zu erfüllen oder getrieben / ihnen zuwider zu laufen. manierismen & regelwerk. / leitfäden sich inszenierten riten zu unterwerfen … / diese ganzen vor- und nachspiele -wort & -wände: / fortwährend fein herausgemacht auf den strich gehen / um ab und zu ins knie gefickt zu werden.“ (17)

Es hätte dem Band gut getan, hätte Schneider auf diese lamentierende Pose mit ihrem Zynismus und ihrer Gekränktheit verzichtet. Was bringt es noch 27 Jahre später, in einem Kritikerbashing daran zu erinnern, dass man einst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6. Juni 1990) von Harald Hartung verrissen wurde: „dieses gedicht versagt es sich abschließend / kraftausdrücke zu benutzen. / es beschränkt sich auf die formulierung / auf Hartungsche Quartette Löffler Literaturen / im Foyer oder auf Jahrbücher zu pfeifen.“ (23 f.) Und überhaupt sollten Schriftsteller Kritik auch dann zulassen, wenn sie ihnen keinen Beifall spendet, und nicht nur dann des Kritikers Freund sein, wenn er sie lobt. Bekanntlich gibt es nur wenige heilige Texte, und auch die werden zum Glück kritisiert.

Dann wiederum scheint mir – und ich möchte nur spekulieren –, dass das Problem im Fall von Schneider tiefer sitzt. Er hatte jenes doppelte Pech, welches ihn auch mit anderen rumänien- wie ostdeutschen Autoren seines Jahrgangs verbindet: das Pech der Wende, welches darin besteht, dass das historisch bedingte Interesse der Rezeption an deren Literatur in der Wendezeit kulminiert und ab Mitte der Neunzigerjahre stetig abnimmt; das Pech, um wenige Jahre und doch signifikant jünger zu sein als diejenigen rumänien- wie ostdeutschen Autoren, die aufgrund ihres Alters und der historischen Gunst zu ihrem Durchbruch gekommen sind, weil sie unter Umständen das Glück hatten, z.B. literarische Institutionen leiten oder gar gründen zu dürfen. So könnte man sagen, ein zufälliges historisches Verdikt hat über den Werdegang sowohl von jenen als auch von diesen entschieden.

Klaus F. Schneider: prêt-à-porter. gedichte. Stuttgart (Edition Peter Schlack) 2017. 32 Seiten. 8,00 Euro.
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