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Karla Reimert, Erec Schumacher: Offshorelove – Talking Twosome No 5

Werkstatt / Reihen


O F F S H O R E L O V E – Talking Twosome No 5


Cy Twombly: Wilder Shores of Love, 1985. 140 x 120 cm


I

Das Gerufene kommt ohne Zaudern. [...] Die rote Schrift. So was kann sehr weit
gehen. Ich suche mit dem Finger den richtigen Farbton. Es gibt ihn in zahllosen
Variationen. Das Meer. Die Küstenlinie. Irgendwas mit Gischt. Eine
Bewegungsgeschichte.

Ich erkläre, es gibt einen Zugang.


In seinem Essay über Cy Twombly nennt Roland Barthes ihn TW.

Wir könnten davon ausgehen. (Vogellaut, Konsonantencluster.)

Tagwerk. Triggerwarnung. Trinkwasser.

Es gibt keine klassische Rollenverteilung, aber Kinder. Alles transformiert und ist
gleichzeitig erstarrt. Jeder Strich Trittsiegel, Zeugnis der Dünung. Fossilisation von
Gesten.

Auch plötzlich Vögel, ein Wirbel von Metamorphosen. Das aufspritzende Gefieder
von Blutvergießen. Schattenlosigkeit. Menschenleere.


Roland Barthes über TW: „Die Gebärde, die sie (die Schrift) hervorbringt, indem sie
sie sich hinziehen lässt: ein Gewirr, fast ein Geschmier, eine Schlamperei. Denken
wir nach, indem wir vergleichen.“


II

Wenn ich dich plötzlich, das kommt durchaus vor, aus dem Tagwerk heraus liebe,
und sich daraus eine Szene entwickelt - ist das der Ruf?

Die rote Schrift schwingt sich über den Bildrand. Wetterleuchtet. Taucht auf, wird
ausradiert, taucht an anderer Stelle wieder auf, wird wieder ausradiert.


Und die Szene, als Erscheinungsform des Paars, fällt mitsamt ihrem Cluster zurück
in das Tagwerk, wird Siegel.

Öffne die Bilddatei. Aha. Die Hingabe an das große Werk. Die Strömung, die über
die Bildoberfläche oszilliert.


Die mögliche Bedeutung der Szene ist der Köder. Das Hier und Jetzt bildet keine
Dünenlandschaft, die den Austausch zwischen Tagwerk und Liebe im Sinne
künstlerischer Reflexion ermöglichen würde.

Jedes Mal wenn ich die Tür aufschließe, stirbt die Hälfte unserer Kinder.

Du sitzt am Laptop und beobachtest mich. Wie du mich öffnen kannst. Möchte aber
nicht darüber sprechen. Hast alles müde gemacht. Triggerwarnung. Wir müssen
reden. Willst vorsorglich einen Vormittag. Wartest darauf, dass es losgeht.


Und klar, der Zugang zur Dekonstruktion. [...] Lieben heißt, den unerträglich
mächtigen Wunsch zu unterdrücken, hier etwas nach- und ausbessern zu wollen. Es
zu üben, das Sich-Hineinziehen-Lassen, in die Unterschlupflosigkeit des Lichts. Die
Szene nach 30 Sekunden abbrechen. Es bei einer ersten Geste belassen. Nicht mal
daran hängen. Sich weder die Szene noch den Anderen aneignen. Die Übelkeit
erregende Ambivalenz niederringen. Nur so leuchtet es auf. […] Leg den Finger auf
die Wunde.

Fühlt sich schön an, sagst du, nach der Häutung im Dunkeln zu liegen und
gestreichelt zu werden. Salzwassergesicht. Als hätte das Meer auch dich
verschlungen.

Erleuchtung geht so. Verstanden?



III

Warum maghrebinisch? Warum diese Sehnsucht nach Haptik und Wärme, die das
Bild ausstrahlt?

Im ersten Jahr unserer Ehe, so meine Erinnerung, blieben wir einmal nachts
gemeinsam vor einer zwölfstündigen Doku über Großstädte Marokkos hängen.
Geschenk der Trägheit des Alltags. Jäher Luxus. Dieses tiefe Gewässer an Zeit.

Unlängst erkannte ich einige Zusammenhänge. Ich versuche, mich zu erinnern. Dort
gebot wer den Strömungen, dort den Wolken [...], dem Wetterleuchten […],
Menschenherzen. Der plötzlich aufbrandende Lärm von Souks. Archäologische
Restsymptome, zum Leuchten gebracht. Der verlorene Ursprung einer besseren
Welt. [...] Marmorgemächer.


Wir konnten uns nicht voneinander und nicht von Marrakesch und Casablanca lösen.
Der zittrige Schatten von YSL im Jardin Majorelle. Diese wunderbaren Gärten, luzide
und verschwenderische Interieurs, entleert vom Rest der Welt. Wie geschaffen für
verliebte Müdigkeit.

Du bist was gefragt worden. Antworte.


IV

TW erwählt in Wilder Shores of Love das einzig wahre Licht. Reine Strahlung, wie
nachträglich koloriert. Dieses bisschen Farbe, wie Barthes schreibt.

Habe das Rot kräftig durchbluteter Schleimhäute. Zartgrün und Bleu Majorelle.
Dazu golden brown und Graphit. Farben der gefährlichen Absicht und der
Verausgabung. Nicht zu vergessen, Schraffuren in der Tönung sterblicher Körper,
Umbra, Efeugrün, versehrtes Schwarz.

Die Emergenz eines einzigen Strichs. Der Moment des Erwachens. Der überpinselte
Kern der Dinge, ihn während des Überpinselns wieder sichtbar machen. Auch über
den Bildrand hinaus.



V

Wann immer ich weglaufen (wegschwimmen) wollte, war es Entkommen-Wollen in
aller Stille, Sich-Schmeißen in Einverständnis. Unter kaltem Druck, hart gegen das
Gesicht brandender Wellen, vergessen, was mich mit dir verbindet.

Die plötzliche Unmöglichkeit unter einer streichelnden Hand zu liegen, der von allem
entleerte Blick.

Also doch. Soweit die Rückblende. […] Zeige deine Wunden. Dein glitzerndes
Salzwassergesicht. So ist Liebe schwer zu verstehen. Ein Unterfangen versunkener
Gesten. […] Es gibt Gründe, warum wir zusammenleben, auch Anschlussfehler,
Weglauftendenzen. Ich werde durchhalten – und wenn nicht... stop trying to be
interesting.


Nochmal Barthes über TW: „Das Wesen eines Gegenstandes hat etwas mit seinem
Abfall zu tun: nicht unbedingt mit dem, was übrig bleibt, nachdem man davon
Gebrauch gemacht hat, sondern mit dem, was aus dem Gebrauch geschmissen
worden ist.“

Die Leere hinter der Schrift. Die gemeinsam betretene und damit versiegelte Zeit.


VI

Das Wort [Wilder] ist eine einzelne Schriftschwinge, Vogelflug, geboren aus Blut. Auf
eine Windböe will es nicht warten, nur auf Sturm und rohes Gebären. So lange hat
es gedauert, so lange. [...] Es hat mit Schreibprozessen zu tun, mit Weltordnung. Da
liegt die Crux. Ich atme, aber wie lange noch. Wir müssen tauschen. Tausch mich ins
Licht.


Ich habe nicht gewusst, dass Liebe erst beginnt, wenn nichts Rätselhaftes mehr zum
Entschlüsseln übriggeblieben ist.

So viele Möglichkeiten. Am Ende ist es immer noch ein Ding der Unmöglichkeit.
Randnotiz.


Das Tagwerk ist ein Meer, das es zu überqueren gilt. Der Moment, an dem du bereit
bist, deinen Körper ohne Gegenleistung zu tauschen. Schmeiss mich aus dem
Gebrauch.

Ungefüge sein. Das Darunterliegende nur halb hinweggespült. Der windumtoste, nur
halb befestigte Uferweg. Dahinter Beduinenlager. Aus dem Sand ragende,
verblichene Artefakte taumelnder und untergegangener Zivilisationen, Karthago, das
Römische Imperium. Sehen als ein Schweben, abhängig von einer aufgepeitschten
Windlauflänge.

Wilder Shores of Love als Kalligrafie. Hinwegfegendes Menetekel, Luftdünen, Lüste,
dichter pastoser Dunst.

Schwierige Buchstabenverbindungen. [of]. [shore]. [love]. [wilder]. Dass mit der
Schrift ist so. Muss Jahre gedauert haben, sich das anzutrainieren. Dieser Duktus, so
scheinbar leichthin. Die hingeschmierte Makellosigkeit. Ich frage mich, ob das Spaß
gemacht hat.


Hämmernde Hitze. Menschenleeres Sonntagslicht, das alles petrifiziert, was sich ihm
nähert. 30 Sekunden, um das Bild in sich aufzunehmen.

Schwungübungen. […] Nicht umdrehen.

Unsere Uhren ticken. Wer erlöst uns von der Schrift?



VII

Es stellt sich hier die Frage nach der Duplizität, der Dopplung, die durch poetische
Sprache im Bild geschieht.

Was ist die Setzung des Gestischen, wenn damit nicht ein neuer Tausch entsteht?
Aber entsteht er durch die Dopplung tatsächlich? Oder wird er nur als Kommentar
behauptet? Das kannst du besser beantworten, oder.

Die Worte ködern. […] Emergenz und Variation. Untereinander sind sie durch Farbe
verbunden, durch Windsysteme. Der Geist des Skizzenhaften, Zigtausenden von
Seemeilen abgerungen.



VIII

Sobald ich die Augen schließe, höre ich alle Gründe für und gegen unser Gespräch.

Lichtszene. Küssen in der Dünung. Jeder hat das Gesicht des anderen. Wir sind jetzt
in den Wellen. Verdoppeln uns zu einem Wesen.

30 Sekunden um durchzuatmen.


Das Gespräch ist der Moment, wo aus der Geste die Gebärde geboren wird. Die
Kausalkette Meer-Welle-Untersog wird damit nicht abgerissen, aber durch den
Verlust des Im-Recht-Seins bis zu einer heiteren Umkehr hin verfremdet.

Was passiert, was. Drift. Trance. Transformierter Zerfall. Bloße Existenz. Sie soweit
vereinfachen, dass es verrückt erscheint. Die Topografie eruptiver Leere.
Oszillationsrippel im nassen Sand.


Nur in der Leichtigkeit des Wegwerfens, so nochmal sinngemäß Barthes über TW,
enthüllt sich das Wesen der Dinge. Nimm den Druck vom Bleistift, wenn du ein
Datum schreibst. Trage die Küstenlinie leichthin auf.


IX

Die Küste am frühen Abend. Ich hebe die Hand. Starre auf das Meer, das gleichzeitig
erscheint und entschwindet. Rufe dich.


Offshorelove.

Die Lehre von der unabgeschirmten Gefahr. Wie wir flattern, abstürzen, gelichtet
werden.


Schreiben, ausradieren, erneut schreiben, das Bedürfnis nach Entschlüsselung
niederringen. Verborgen bleiben, randständig, so der Zugang des Bildes. Was nach
unserem Hinausgeschmissen-Sein überdauert: Wellengänge, papierner Seetang.

Sehe nur die leere Seite.

Die rote Schriftschwinge.

Das Bild. Die Gefahr, dass alles auffliegt.

Spätnachts die Fehlalarme, immer wieder und wieder.

Die Tortur des Dichthaltens.

Sei vorsichtig. Besonders frühmorgens. Die Kinder schlafen noch.


(Karla Reimert, Erec Schumacher: unveröffentlicht, 2015)

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