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Julia Dathe: Eins

Rezensionen



Dirk Uwe Hansen

Skizzen unter dem Stroboskop



Eine weiße 1 prangt auf dem schwarzen Cover von Julia Dathes Debutband. Oder doch zwei schnell gesetzte breite Pinselstriche, die sich als eine 1 lesen lassen. Oder aber eine schwarze Fläche mit einer 1-förmigen Auslassung? Oder ist es gar Kurt Schwitters’ i ohne Punkt? Alles, wahrscheinlich, und damit ist das Cover programmatisch für die Gedichte des Bandes, denn expressionistische Geschwindigkeit und starke Kontraste finden sich zuhauf in den Texten des Bandes, die ebenfalls immer wieder meine Erwartungen und mein Vorverständnis in überraschender Weise umzukehren verstehen. Das allein wäre schon Grund genug, das Buch zu empfehlen, aber der Band ist mehr als nur eine Sammlung großartiger Gedichte; er ist zugleich ein sorgfältig komponiertes Ganzes — zu Recht vergleicht Jan Kuhlbrodt das in seinem Nachwort mit einem Konzeptalbum — und man sollte sich unbedingt die Zeit nehmen, ihn beim ersten Lesen in einem Zug durchzugehen (eine beinahe überflüssige Empfehlung, will mir scheinen, die Gedichte werden ihre Leser ohnehin nicht so einfach wieder loslassen).


Hatte haste Evolution

Der Schatten macht nur Sinn, wenn das Weiß dunkler wird
in dieser unmenschlichen Wohnform in Erinnerung einer Stadt
da muss es Treppen und Türen geben, zur Arbeit muss man kommen
die erste Schicht liegt wie schmiegt, sieh an, mehrere Schichten für den Schatten
aus der Sprühdose, weil sie sehr, sehr glatt iirgendwie ssst, diese nächste Schicht
Leise! Sssst!
Liegenschaften im Sssteil dieser Stadt, die einen Eindruck erwelken, dieses Gelb
unsere, diese ssst Liebe dieser Stadt, schmachtet den Schatten über das Grün
da liegt, nicht, ssst verboten, nicht nach Spektakeln nicht, siehe Sicht
das sind Eindrücke, die man draußendran hat
da hatte haste Outsiders, da hatte haste Konzepte im Kopf, sagt der Mann.


Wer es nach diesem ersten Gedicht schafft, den Band wieder aus der Hand zu legen, hat selbst Schuld…
Nach drei Gedichten, die dem Leser die Gelegenheit geben, sich in Dathes atemlosen Ton einzulesen, beginnt der erste Zyklus des Bandes, „Inner”:


Wir flüstern, der Wind ist still
fassungslos unter den Wimpern hervor
über den Tag hinein in die Nacht
singt ein Vo-, singt ein Vo-

Treffen Augenkontakt, Berührung, Laut auf die Atmosphäre
alarmieren Überwachungsgeräte.

Wir biegen flüsternd das Gras
sei leis Liebs!


Was hier geschieht, ist schwer zu beschreiben. Ist es eine Idylle im Angesicht der Überwachungsgeräte? Ist „sei leis, Liebs!” zärtlich oder warnend zu verstehen? Ist der Vo- eine idiosynkratische Abbreviatur oder wird er tatsächlich abgehackt? Unaufhaltsam werden in den Texten dieses Zyklus’ Idylle und Katastrophe („Die Sonne ging nicht auf an jenem Tag die / Skelette, liegen im Freien / sie haben zerborstene Schädel”) ineinandergeschoben und miteinander verwoben wie Vergangenheit und dystopische Zukunft (…wenn du dann aufwachst, wird sich alles wiederholen”).

Dathes Texte entziehen sich einer eindeutigen Verortung oder Klassifizierung nach Themen oder Inhalten.

Immer wieder überlagern sich verschiedene Schichten, als würde die Autorin in rasender Geschwindigkeit Skizzen von einer sich ständig im Licht eines Stroboskops verändernden Situation anfertigen; kaum haben wir etwas erkannt, das wir mit unserer eigenen Lebenswirklichkeit in Einklang bringen können, reißt der Text uns schon wieder anderswohin.

stand da

im Schlaf
im Kopf
die Innenwand
Zitrone, schwarze gefütterte
ich von Kopf nach Spitze
spreche mit meinen Schuhen.
Vorname, Nachname, bitte, danke
scheiße, nein!
Liegen, sitzen, stehen,
dann wieder sitzen und liegen.
Ein Lid hängt halb, die Angst
das Geräusch einer Pumpe
das geräusch einer puppe
Was war es
das schrie
ein Vogel


Vollends furios wird dann das Finale mit dem Zyklus „Im Mai”. „Du / bei einer irgendeiner Emotionshandlung / Du hack’ mir den Kopf ab / Du schlitz mir den Bauch auf!” — Der Kontrast zwischen Wonnemonat und Beziehungstat war natürlich zu erwarten, doch trifft den Leser sodann, wenn er umblättert, eine Lawine aus Schnee, der uns in dicken Silbenflocken um die Ohren gehauen wird, dass uns das Sehen vergeht:


Schneit ein Kleid ein, kleiden schneid ein, Kleid schneiden, Kleid leiden.
Den Schnei der Kleider leiden, Kleiderschneider
schnei der. der Klei. beschnei der Klei ein Lied, bekleidert der Schrei ein Leid
bekleidert der Schnei ein Lieb auf den Leib.


Da hatte haste Konzepte im Kopf, das mag sein, aber es nützt dir nichts. Dathe schafft es mit ihren allerlei Regeln über den Haufen werfenden Gedichten, uns selbst beim Anblick vertrautester Gegenstände (seien das Zitronen, Eier in Senfsoße, Vögel oder Liebespaare im Gras oder im Mai) Nieerkanntes sehen zu lassen und uns dabei auch noch Formulierungen in den Kopf zu pflanzen, die wir nicht wieder loswerden („…Paradeiser / werde ich ziehen aus Kernen von Konserventomate…”).


Julia Dathe: Eins. Gedichte. Hrsg. von Jan Kuhlbrodt. Nettetal (Elif Verlag) 2017. 65 Seiten. 12,00 Euro.

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