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Jürgen Nendza: Das Fahrwasser

Münchner Anthologie

Jürgen Nendza


DAS FAHRWASSER haben sie umgesteckt,
die Birkenstämme. Jetzt schwimmen Atemzüge

bis Buise, unterspülen Wachphasen
auf dem Promenadendeck. Sommerfrische

logiert in Badefeldern, eingefriedet,
mit dem Rücken zum Meer. Du weißt,

die Rettungswege sind freizuhalten,
Rebeckchen Mayer und Herr Levy

durften bleiben. Die Luft ist feucht.
Gleich kommt die Sonne zum Vorschein,

weckt weitere Jahre, die anlegen im Wind und
nirgends das Feste und Ganze. Die Strömung

verschiebt den Küstenverlauf. An deinem Kinn
entsteht der vollkommene Raum eines Tropfens.


Aus Jürgen Nendza: picknick. Gedichte. Leipzig
(Poetenladen Verlag) Leipzig 2017, 72 Seiten, 17,80 Euro.

Michael Braun

Nirgends das Feste und Ganze



In einem Rückblick auf seine Kindheit auf den Ostfriesischen Inseln hat der Philosoph Karl Jaspers einmal das Meer als selbstverständlichen Grund des Lebens und als »anschauliche Gegenwart des Unendlichen« beschrieben: »Immer ist alles in Bewegung, nirgends das Feste und das Ganze in der doch fühlbaren unendlichen Ordnung.« Auch für den Lyriker Jürgen Nendza sind das Meer und die von ihm geliebten Nordseeinseln Lebenselixier und poetischer Motivgrund. Viele seiner Gedichte, die sich in mikroskopischer Beobachtung der Naturdinge üben und dabei stets Naturstoff und Geschichtsstoff in poetischer Engführung verknüpfen, sind »aus Wasser und Luft« gewebt, wie es im Gedicht »Kontaktflächen« heißt. Seinen jüngsten Gedichtband »picknick« eröffnet ein Zyklus über die Geschichte der Insel Norderney, die eine lange Tradition als Badeort für jüdische Urlauber hatte, die bis 1933 auch der grassierende Antisemitismus nicht beschädigen konnte. Nendza zitiert die emphatische Liebeserklärung von Jaspers, die auch als poetologische Formel für sein eigenes Schreiben zu lesen ist (»nirgends das Feste und Ganze«), das die evozierten Einzelheiten stets in einen poetischen Schwebezustand bringt. Seine Verse sprengen aber das Ordnungsvertrauen des Philosophen, die Aufrufung einer Landschaft führt in eine geschichtlich versehrte Topografie. Die aus einem üblen Spottgedicht zitierten Namen »Rebeckchen Mayer und Herr Levy« verweisen auf die Geschichte der antisemitischen Niedertracht. Hier markiert der Autor die Folgen der wachsenden Judenfeindschaft auf den Nordseeinseln, die sich zum Beispiel in Borkum damit brüsteten, den jüdischen Gästen keinen Zutritt mehr zu gewähren: »Rebeckchen Mayer und Herr Levy/ Kehrt schnell nach Norderney nach Haus!/Allhier auf Borkums grüner Insel/Blüht euch kein Glück, Ihr müßt hinaus.« In seine dicht verfugten zweizeiligen Strophen hat Nendza auch die geologischen Veränderungsprozesse der Insel eingeschrieben: Norderney ging einst hervor aus dem Untergang der erwähnten Insel Buise, die nach einer mittelalterlichen Sturmflut in zwei Teile zerbrach. Die von Nendza kompromisslos angewandte Methode der poetischen Engführung disparater Bildelemente hat ihren Preis: Seine auf genauester Wahrnehmung und konziser historischer Reflexion fundierte Dichtung hat bislang selten die öffentliche Anerkennung und Wertschätzung erhalten, die diesem exzeptionellen Autor eigentlich zukommt. »Kleinigkeiten«, heißt es in einem seiner neuen Gedichte, »picken wir auf im Mittagslicht«. Diese Kleinigkeiten sind bei Nendza immer Bestandteile eines geschichtlichen Tableaus. Seine Gedichte konstituieren »Augenblicksflächen« und erweisen sich zugleich als Geschichtsspeicher. Die Reflexion auf Naturstoff und Geschichtsmaterie mündet im vorliegenden Text in die sinnliche Wahrnehmung eines instabilen Flüssigkeitskörpers im Übergang – „der vollkommene Raum eines Tropfens“. Dieser Dichter weiß um die Instabilität und Vorläufigkeit jeder sprachlichen Bezeichnung. Bereits in seiner sprachwissenschaftlichen Dissertation, die sich 1992 mit dem Verhältnis von »Wort und Fiktion“ befasste, hat er die Möglichkeiten und Grenzen des Sprechens und Schreibens ausgelotet. Das Gedicht, so hat er einmal formuliert, ist ein »Ort des Übergangs, an dem sich die Dinge der Gewalt des identifizierenden Denkens entziehen«. So versucht der Autor konsequent, die »unerledigten Dinge« aus ihrer Einkapselung in einen festgelegten Sinn zu lösen: durch ständige Verschiebungen von Bildfeldern und Bedeutungen. Im dritten von insgesamt fünf Zyklen des »picknick«-Bandes, dem »Kopfalbum«, beschwört Nendza die politische Geschichte seiner Kindheitslandschaft, des Ruhrgebiets, indem er Kindheitsbilder mit der sinnlichen Erfahrung der Landschaft und jüdischen Biografien kombiniert: »EIN FINGERZEIG, die Schornsteine, / der Kohlenstaub. Wo ist die Wolkenmilch/ da oben, wo kommt sie plötzlich her,/ die Bergmannstochter, Schickse,/ draußen vor der Tür: Kartoffelbeet, / Kaninchenfell, ein Silo Angst,/ sag Bunker.« Diese sprachsensiblen und formal strengen Gedichte, die Wahrnehmung, Geschichte und Landschaft synchronisieren, sind vorbildliche Lektionen in poetischer Genauigkeit.  


Jürgen Nendza








Michael Braun

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