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John Burnside: Confiteor

Münchner Anthologie

John Burnside:
Confiteor

for Michael Krüger

I heard something out by the gate
And went to look.
Dead of night; new snow, the larch woods
filling slowly, stars beneath the stars.
A single cry it was, or so it seemed,
though nothin I had recognised as native;
and when it came again, I knew for sure.
No badger there. Not gathering of deer.

Forgive me, if I choose not to believe
the snow would fall like this, were I not here
to see it.
There might be snow, of course, but not like this,
no hush between the fence line and the trees,
no sense of something other close at hand,
my dwindling torch-beam flickering between
a passing indigo and lux aeterna.

I stood a while to listen;
Nothing moved
- and then I turned and walked back to the house,
the porch light spilling gold for yards around,
snow at the open door and then, again,
that far cry in the dark behind my back
and deep in the well of my throat
as I live and breathe.
für Michael Krüger

Ich hörte etwas draußen am Tor
und ging, um nachzusehen.
Tiefste Nacht; Neuschnee, langsam füllte sich
Der Lärchenwald: Sterne unter den Sternen.
Ein einzelner Schrei, so schien es,
doch nichts, was ich als heimisch erkannte;
und als ich ihn wieder hörte, war ich sicher.
Da war kein Dachs. Dort standen keine Rehe.

Verzeihe, wenn ich nicht glauben möchte,
der Schnee würde genauso fallen, wäre ich
nicht da, um ihn zu sehen.
Natürlich könnte es Schneefall geben, doch nicht so:
keine Stille zwischen Zaun und Waldrand,
kein Gefühl, dass etwas in der Nähe lauert,
der schwindende Strahl meiner Taschenlampe, flackernd
zwischen flüchtigem Indigoblau und lux aeterna

Ich lauschte eine Weile;
Es rührte sich nichts
- ich drehte mich um und ging zum Haus zurück,
die Lampe im Eingang verschüttete meterweit Gold,
Schnee lag vor der offenen Tür, und wieder
jener ferne Schrei im Dunkeln hinter meinem Rücken
und tief in der Quelle meiner Kehle,
so ich lebe und atme.


in John  Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.  Englisch / Deutsch. Übersetzt von Iain Galbraith. München (Carl Hanser  Verlag) 2016. 304 Seiten. 22,00 Euro.
Ulrich Schäfer-Newiger
Der Schrei.

Das Gedicht mit dem etwas ungewöhnlichen Titel scheint auf den ersten Blick ein typisch angelsächsisches oder jedenfalls sehr traditionelles Gedicht zu sein, wird darin doch scheinbar eine einfache Geschichte mit ganz gewöhnlichen Worten berichtet: Der Erzähler hört in tiefer Nacht etwas draußen am Tor. Er geht mit einer Taschenlampe hinaus, um nachzusehen. Neuschnee ist gefallen. Der Schnee und das Sternenlicht füllen langsam, je mehr sich der Erzähler an die Dunkelheit gewöhnt, den nahen Lärchenwald jenseits des Zaunes. Das Geräusch scheint ein einzelner Schrei gewesen zu sein, aber sicher ist der Erzähler sich nicht. Es war jedenfalls nichts „heimisches“ und als er den Schrei wieder hört, weiß er: Er stammt weder von einem Dachs noch von Rehen. Nachdem sich eine Weile nichts gerührt hat, geht er wieder zurück zum Haus. Jetzt liegt der Schnee vor der offenen Haustüre. Die Lampe am Eingang verstreut meterweise Licht. Und wieder hört er den „fernen Schrei“ im Dunkeln hinter seinem Rücken. Damit endet der äußere, einfache Handlungsablauf.
    Der aber wird bereits zu Beginn der zweiten Strophe unterbrochen. Diese beginnt nämlich ganz unerwartet mit der Zeile: Verzeihe, wenn ich nicht glauben möchte, / der Schnee würde genauso fallen, wäre ich / nicht da, um ihn zu sehen. An wen wendet sich der Autor? An die Lesenden? Oder richtet sich diese Bitte um Verzeihung an einen Gott? Hat der Erzähler mit seinem Nicht-Glauben eine Schuld auf sich geladen, die er bekennt und für die er um Verzeihung bittet?  Darauf deutet jedenfalls der Titel hin. „Confiteor“ meint im kirchenlateinischen Sinne auch das Eingeständnis der persönlichen Schuld vor Gott.  Aber ganz überzeugt diese Vermutung an dieser Stelle nicht. Beleuchten wir daher näher, für welchen Nicht-Glauben der Erzähler um Verzeihung bittet: Er glaubt nicht, dass der Schnee genauso fällt, wenn er nicht anwesend ist und ihn nicht fallen sieht. Der Erzähler bespricht nicht, wie der Schnee auch ohne seine Anwesenheit fallen kann, sondern wie er dann nicht fällt: Ohne Stille zwischen Waldrand und Zaun, ohne das Gefühl, dass etwas in der Nähe lauert, ohne den schwindenden Strahl der Taschenlampe, der zwischen Indigoblau und lux aeterna, also dem ewigen Licht, das den Verstorbenen leuchten möge, flackert.
    Anders formuliert: Der Schnee würde dann ohne menschlich-subjektiv geprägte Wahrnehmung fallen. Der Schnee würde also auf eine Art fallen, die wir uns nicht vorstellen können, die wir nicht erfahren, weil wir eine solche Erfahrung grundsätzlich nicht machen können. Der Schnee fällt ohne unsere Anwesenheit auf eine Art, für die wir keinen Begriff haben.
    Somit hat der Erzähler /Autor mit seinem „Verzeihe“ den Leser mitten hineingeführt in ein Problem, welches seit zweieinhalbtausend Jahren abendländischen Denkens existiert und nicht gelöst ist: Existiert die Welt ohne uns genauso wie in unserer Anwesenheit? Existiert sie überhaupt ohne uns? Können wir sie jemals objektiv betrachten und beschreiben? Ist nicht alles was wir für die Welt halten, in unserem Kopf und nirgends sonst?
    Burnside ist nicht so vermessen, gleich die ganze Welt zu bemühen, wenn er das Problem beschreibt, ihm genügt der nächtliche Schneefall (so, wie dem Dichter Ted Hughes, an den einige der Gedichte Burnsides erinnern, eine Krähe genügte, um das Problem zu beschreiben). Von „der Welt“, meint der Philosoph Markus Gabriel, können wir ohnehin nicht reden. Und zwar aus dem Grund, den Burnside in seinem Gedicht mit einfachsten Worten beschreibt: Wir können niemals erfahren, wie etwas ohne uns ist. Wir können niemals neben die Welt, neben den Kosmos, neben das Allumfassende treten und es doch wahrnehmen und als Ganzes erfahren oder beschreiben. Das gilt auch für den Schneefall. Weil wir immer und immer ein Teil dieser „Welt“ sind und sein werden.
    Wir werden den Schnee nie ohne unsere Wahrnehmung fallen sehen können. Die Wörter „sehen“ oder „wahrnehmen“ usw. verweisen immer schon auf jemanden, der sieht und wahrnimmt. Und das sind immer nur wir, die Menschen, ob Spaziergänger oder Atomphysiker. Deswegen, so Markus Gabriel, gibt es eigentlich „die Welt“ gar nicht. Von ihr zu reden ist vermessen, weil wir uns keinen Begriff von ihr machen können. Und für etwas, von dem wir uns keinen Begriff machen können, haben wir auch keine Wörter.
    Burnside ist auch klug genug, um nicht in die nächste metaphysische Falle zu tappen und zu behaupten, er wisse dies. Oder seine Aussage über den womöglich auch ohne ihn fallenden Schnee beruhe auf seiner Erkenntnis oder wenigstens auf einer naheliegenden, logischen Schlussfolgerung, die er mit Hilfe von Nachdenken und Verstand habe ziehen können. Denn auch eine solche Erklärung wäre nicht objektiv, könnte es aus den skizzierten Gründen gar nicht sein. Deswegen spricht der Dichter schlicht von Glauben.
    Das hier skizzierte und von Burnside poetisierte Problem der Welterkenntnis ist alt und komplizierter als es auf den ersten Blick aussieht. Vieles ist strittig, und man kann Burnsides Auffassung auch ablehnen. Darum aber geht es hier nicht, sondern um die Grundlagen seiner Poetik.
    Und so bleibt der Titel einstweilen noch ein Rätsel.
    Das Gedicht ist aber auch nicht zu Ende. Denn der Burnside hört den letzten und „entfernten“ Schrei nicht nur hinter seinem Rücken, sondern tief in der Quelle meiner Kehle, / so ich lebe und atme.“ In der englischen Originalfassung lautet dieser Passus: deep in the well of my throat / as I live and breathe.
    Diese Wendung des Berichtes kommt völlig unerwartet und ist in gewissem Sinne auch unheimlich; sie lässt den Leser erschaudern. Das gilt umso mehr, wenn man weiß, dass der englische Begriff „well“, der hier von Iain Galbraith mit „Quelle“ übertragen wird, auch „Ursprung“ bedeuten kann. Die eigene Kehle also ist die Quelle oder noch intensiver: der Ursprung des Schreis! Es schreit aus dem Dichter selbst heraus. Und es ist kein heimischer Schrei, sondern ein fremder, den er nicht kennt. Es ist ein fremder Schrei, der dem Schreienden zukommt. Der ihm widerfährt, unwillkürlich, vor allem unbewusst. Ein Schrei ist ein gellender Ton, vorsprachlich. Etwas, das der menschlichen Sprachbeherrschung und Artikulationsfähigkeit vorausgeht. Mit dem aber etwas zum Ausdruck kommen will, hinaus drängt. Der Schrei ist selbst Natur, weil der Schreiende lebt und atmet, Natur wie die Sterne, der Lärchenwald, der Schnee. Anders also als das Wort, das, wie es Octavio Paz (dem Burnside das Gedicht Ida y Vuelta“ im gleichen Band widmet) einmal formulierte, sich zwischen den Menschen und den Dingen, der Natur, zwischen den Menschen und ihrem wahren Sein schiebt. Und es ist die Lyrik, so Paz weiter, die versucht, die Distanz zwischen dem Wort und der Sache (Natur, Welt) abzubauen. Der magische Grund bestehe eben darin, zur Natur zurück zu kehren, indem das Ich-Bewusstsein, das uns von ihr trennt, zur Auflösung gebracht wird. Und der Schrei ist jenseits dieses Bewusstseins.
    Hält man diese seit Rimbaud und Mallarmé immer wieder betonte Charakterisierung der Lyrik nicht für abwegig, so gewinnt Burnsides Gedicht eine augenfällige Bedeutung: Die Suche nach dem Ursprung des Schreies in dunkler Nacht mit Hilfe des Lichtes der Taschenlampe ist nichts weiter als der (im Ergebnis untaugliche) Versuch, die Natur, „die Welt“, mit Hilfe unseres Denkens und Verstandes, der Wissenschaft, Sprache und Logik, objektiv zu erkennen und zu begreifen. Nacht, Sterne, Schnee, Lärchenwald sind Repräsentanten der äußeren Natur. Der Zaun vor dem Haus repräsentiert andererseits den hilflosen Versuch, uns die Natur auf Distanz zu halten. Das „meterweise verschüttete Gold“ der Eingangslampe kann als ‚Heidegger‘sche Lichtung‘ im Dunkel unserer Unwissenheit über die Welt verstanden werden und zugleich als Zeichen nahender Offenbarung. Dazu gehört: der Schnee gelangt natürlich trotz des Zaunes bis zur offenstehenden Haustür, wir können die Natur nicht zurückhalten.
    Und in diesem Moment wird dem Erzähler offensichtlich: Die Natur ist in uns selbst, wir sind Teil der Natur, weil wir leben und atmen. Und da wir sie nie vollständig („objektiv“) begreifen, werden auch wir uns selbst nicht begreifen. Daraus erwächst der Schrei als Artikulation unserer inneren, vorbewussten Natur, als Ausdruck jenseits der Sprachlichkeit, des Denkens, des Verstandes. Der Schrei ist Poesie, Gedicht, Musik, Kunst überhaupt. Nur sie ist in der Lage, die Distanz zwischen Selbst und Natur, der Welt, wenn nicht aufzuheben, dann jedenfalls zu verringern.
    Aber Burnside geht noch weiter: Mit dem Titel „Confiteor“ verweist er auf ein in der christlichen Liturgie verwendetes Gebet, ein Glaubens- und Schuldbekenntnis. Und Liturgie ist nicht bloßes Ritual, sondern in ihr vollzieht sich nach dem Verständnis der katholischen Kirche das Werk unserer Erlösung und trägt dazu bei, dass das Leben (der Gläubigen) Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums wird. Denkt man dies bei dem Wort „Confiteor“ mit und ersetzt die christlichen Elemente durch solche der Poesie, so vollzieht sich in der Erzählung des John Burnside das Werk der Erlösung des Erzählers, des Dichters also, von seiner eigenen Fremdheit und offenbart sich durch den Schrei sein eigentliches Mysterium als Poet (Künstler).
    Der durch Offenbarung Initiierte, der sich zu dieser Offenbarung bekennt, ist dem Priester oder auch Schamanen nicht fern. Auch dieses Verständnis des Dichters als Priester – man muss es nicht unbedingt teilen - ist spätestens seit Hölderlin formuliert und wird immer wieder bemüht, um überhaupt die Herkunft und Existenz poetischen Sprechens zu erklären.
    Burnsides Gedicht kann also als selbst erschütterndes Zeugnis dieses uns alle betreffen-den, existentiellen Verständnisses von Poesie verstanden werden. Es ist insoweit eines der gegenwärtig eindrücklich-besten Gedichte zu diesem Thema überhaupt.
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