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Jehuda Amichai: Gedichte

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Mehr zu zeigen, mehr zu sagen


„O, dieses ewige Kindergekreische:
»Ich will, ich will!«
bis es zu Schreien von Verwundeten wird.“

Jehuda Amichai wurde 1924 als Ludwig Pfeuffer in Deutschland geboren. 1935 wanderte seine Familie nach Palästina aus, zog schließlich nach Jerusalem. Nach dem Krieg, im Alter von 22 Jahren, gab Pfeuffer sich selbst den Namen Amichai (hebr. für „Mein Volk lebt“) und begann kurz darauf Gedichte zu schreiben. Er starb im Jahr 2000 in Jerusalem.

Schon sehr früh galt er als einer der einflussreichsten und bedeutendsten Dichter Israels und als Erneuerer der hebräischen Poetik, u.a. war er einer der ersten, der in seine Texte auch umgangssprachliches Hebräisch einfließen ließ. In Deutschland setzte die Rezeption seines Werkes spät ein: Bei Piper sind einige Werker erschienen, und ein Gedichtband („Zeit“) erschien 1998 bei Suhrkamp, all diese Ausgaben sind jedoch längst vergriffen. Es war also überfällig, dass die Werke Amichais deutschsprachigen Leser*innen wieder zugänglich gemacht werden, worum sich nun der Verlag Könighausen & Neumann und der Herausgeber und Übersetzer Hans D. Amadé Esperer verdient gemacht haben.

„Meine Augen wollten ineinander fließen
wie zwei benachbarte Seen,

um einander alles zu sagen,
was sie sahen.“
[…]
„Dein Körper war voller Eidechsen,
und alle liebten die Sonne.“

Der Auswahlband ist eine Sammlung mit Texten aus sämtlichen lyrischen Publikationen von Amichai, neu oder erstübersetzt. Zusätzlich sind im Anhang Hintergründe und Erläuterungen zu den einzelnen Texten zu finden, außerdem ein Glossar mit Erklärungen zu hebräischen Begriffen und anderen Besonderheiten. Die Gedichte selbst sind in thema-tische Kapitel unterteilt. Der Band beginnt mit dem Kapitel „Liebe“.

Mit Liebesgedichten zu beginnen, das mag vielleicht etwas abgeschmackt klingen, in Amichais Fall ist dies jedoch keine schlechte Wahl: In den Liebesgedichten ist nämlich direkt ein Großteil der Bandbreite von Amichais Können und Themen aufgefächert. Hier lassen sich bereits viele Motive finden, die in den weiteren Kapiteln dann ausgebaut, umkreist, genauer verhandelt werden.

Vor allem wird für die Leser*innen hier direkt ersichtlich, dass Amichai ein Dichter ist, der sehr gern mit umfassenden, großen und gleichsam einfachen Bildern arbeitet; mit Bildern, die aufs Ganze gehen, mit Wendungen, die sich zu gleichnishaften Aussagen ballen.

„In unseren Tagen wird nicht länger
Krieg erklärt:
Es IST Krieg
und es gibt keine Liebeserklärungen mehr.“

Übertriebenen Pathos kann man ihm dennoch nicht vorwerfen, dafür sorgt die Behutsamkeit, die auch noch im größten Ausholen liegt, das nie ein Schwelgen ist, vielmehr eine kurze Geste, die mehr ein Gruß ist als eine Weisung, schützen will, nicht stapeln, türmen.

Außerdem sind seine Gedichte (die Liebesgedichte, aber auch die anderen) stets mit profanen Elementen durchsetzt, die sie erden. In den Liebesgedichten ist viel von Körpern die Rede, vom Gesicht und anderen Attributen des Leibes. Und auch im nächsten Kapitel, das das Thema „Krieg“ behandelt, arbeiten profane Beobachtungen und poetische Dimensionen Hand in Hand.  

„Er ist sehr dünn geworden,
hat das Gewicht seines Sohnes verloren.
Deshalb schwimmt er so leicht durch die Straßen
und verfängt sich in meinem Herzen wie Treibholz.“
[…]
„Und ich hörte einen Schuss – Soldaten
trainierten für die Schlacht.
Soldaten trainieren immer für eine Schlacht.“

Amichai war Zeit seines Lebens sowohl ein Verteidiger als auch ein Kritiker seines Landes Israel. Mehr als die großen Zusammenhänge interessierten ihn aber seine eigenen, handfesten Erlebnisse. Viele seiner Gedichte über Krieg und Gewalt bewegen sich zwischen den größeren Ereignissen und den kleinen, aber entscheidenden Erschütterungen, die sie im Leben der einzelnen Menschen bewirken.

Ohne zu verkopfen, bewegt sich seine Lyrik zwischen Überlegungen und Darstellungen, im fließenden, manchmal fast spielerischen, artistischen Wechsel, als Ass im Ärmel stets eine Wucht, die ebenso unspektakulär wie verfänglich ist.

„Je te n‘ oublierai jamais. Ich werde dich niemals vergessen,
stand in Französisch auf einer kleinen Tonplatte.
Ich weiß nicht, wer da niemals vergessen wird:
Er ist anonymer als der, der starb. […]
Und alles ist ausgeschildert
in drei Sprachen: Hebräisch, Arabisch und Tod.“

Während diese ersten beiden Kapitel klar thematische Umrisse haben, sind die Rahmen der folgenden vier Kapitel etwas offener, unklarer. Es geht u.a. um „Orte“, „Erinnern“, „Gott“ und „Ich“. Das letzte Kapitel versammelt einige Gedichte über Jerusalem.

Gemeinsam haben die Gedichte der vier Kapitel (Jerusalem als letztes ausgenommen), dass in ihnen permanent eine Identitätssuche verhandelt wird – unter verschiedenen Gesichtspunkten, mit unterschiedlichen Ansätzen selbstverständlich, aber das Wesen des Ich, die Selbstbeobachtung, taucht regelmäßig auf, spukt am Rand und im Kern von Amichais Ausführungen.

„Aber durch die Wunde in meiner Brust
erhascht Gott einen Blick auf die Welt.
Ich bin die Tür
zu seinem Appartement.“
[…]
„Was ich nicht wieder sehe,
muss ich für immer lieben.“

Eine Figur, der in einem Kapitel eine besondere Bedeutung zukommt, ist der Vater, von dem sich Amichai immer wieder emanzipiert und der doch ein großer Bezugspunkt ist, mit dem er eine zentrale Sehnsucht verbindet. Einige der besten Zeilen von Amichai verhandeln diesen Konflikt, dessen Dimensionen sich bis zu Gott und der Sprache erstrecken, der aber letztlich doch sehr einfach geartet ist.

„Mein Vater baute über mir eine riesige Schiffswerft aus Sorgen,
doch eines Tages verließ ich sie, noch nicht fertig,
und er blieb zurück in seiner großen, leeren Besorgnis.
Und meine Mutter – stand wie ein Baum am Ufer
zwischen ihren nach mir ausgestreckten Armen.“

Es gäbe noch vieles zu sagen, ich könnte noch einiges aus dem schönen, nicht überlangen, aber doch gelungenen Nachwort von Amadé Esperer zitieren. Amichais Bezug zu vielen traditionellen Texten könnte ich noch genauer in Augenschein nehmen, seine faszinierende Art, unbelebte und belebte Dinge gegeneinander oder zueinander zu stellen, aber all dies kann man im Zuge der Lektüre selbst erfahren, beobachten, bedenken.

„Die Winde der Zeit blasen ständig über Felsen.
Die Erde vergaß die Schritte derer, die auf ihr gingen.
[…]
„Meine Adern und meine Sehnen sind jetzt schon ein Dickicht,
dessen Stränge ich nicht entwirren kann.“
[…]
„Wie das Messer beim Schälen einer runden Frucht
merke ich, dass die Zeit im Kreis verläuft.“

Mir bleibt also nur, die Lektüre von Jehuda Amichai nachdrücklich zu empfehlen. Die bodenständigen Utopien, die feinen, einfühlsamen Kritiken, die seine Gedichte entwerfen und abringen, hinterlassen bestimmt einen bleibenden Eindruck. Sie sind weise auf eine ganz unverstellte, poetische Weise.

„Liebes ist ein Reservoir für Güte und Nachsicht,
wie das Speichern von Nahrung für Belagerungszeiten.“

„Aber in der weißen Faust seines Gehirns
hat er die dunklen Samen seiner glücklichen Kindheit.“


Jehuda Amichai: Gedichte. Hrsg. und aus dem Hebräischen übersetzt von Hans D. Amadé Esperer. Würzburg (Königshausen u. Neumann) 2018. 230 Seiten. 18,00 Euro.
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