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Jan Kuhlbrodt: 81

Essay / Memo / Notizbuch > Memo
Jan Kuhlbrodt
zum Geburtstag von Elke Erb

81

Am Wochenende vor Elke Erbs Geburtstag postete ich eines ihrer Gedichte auf Facebook und löste damit eine kleine Debatte darüber aus, ob dieses Gebilde im Eigentlichen ein Gedicht sei. Ohne dies zum Zentrum des Erbschen Werkes erklären zu wollen, kann ich guten Gewissens feststellen, dass es jene Frage ist, die im Hintergrund der Texte dräut. Eine Frage allerdings, die meiner Meinung nach nicht zu beantworten ist, die zu stellen aber permanent sich aufdrängt (vielleicht nicht angesichts kunsthandwerklicher Leistungen, die perfekt abgezählte Silben in rhythmischem Ebenmaß präsentieren; aber auch hier stellt sich die Frage, ob sich die Gedichtigkeit des Objektes auf ein Skelett reduzieren lässt.)

Der gepostete Text war übrigens der folgende:

das Aus (hat
wie der Laut sagt)
keinen Garten
(April 2015)

Pünktlich zum 81. liefert Urs Engeler ein neues roughbook, es heißt Gedichtverdacht, und dieser Titel umschreibt, was mit der Lektüre schon in den Siebzigern begann: die Recherche. In Gedachten, im Geschriebenen. Die Frage danach, was ist ein Gedicht. Natürlich: beantwortet wird sie von den Gebilden selbst, die sich als Gedichte offenbaren, und dennoch verleitet sie zu einer Suche im Geschriebenen.

Auch in ihrem 1998 bei Urs Engeler erschienen Band Mensch sein, nicht geht Elke Erb dieser Frage nach: In Versen und Prosa aus den Jahren 1994-96 denkt sie die alltäglichen Begeben-heiten mit insistierender Hartnäckigkeit bis zu dem Punkt zurück, an dem sie vielleicht stoßend, vielleicht rührend, auf jeden Fall auffällig wurden, um sie in schnörkellosen Volten zu befreien von Stummheit, Sentimentalität oder Engherzigkeit: «Spott // Verdanke vermutlich den Knob-lauchzehen, abendlich zweien, die Milderung dieses Drucks in der Herzgrube. / Habe mit dem Zehren, Verzehren eine kühle Abwehr durchgriffen, welche alle Zeit hier mit mir spindelt und wirrt - Spott, woher? // 22.8.95»“

Was hier als Ankündigung für ein Buch formuliert ist, lässt sich vielleicht auch auf Erbs Werk insgesamt anwenden.

Mensch sein, nicht war das erste Werk einer ostdeutschen Autorin, das ich nach längerer Abstinenz gelesen hatte, ich brauchte, wenn man so will, eine Herkunftspause. Aber mit diesen Texten gelang es mir, wieder einen Zugang zu finden, zu Autorinnen, die gewissermaßen mit einem in meinen Augen Ostmakel behaftet waren. (Der Makel war natürlich eine Projektion.) Und diesen Zugang eröffnete mir eine eher technische Frage, nämlich die nach dem Gedicht.

In diesem erwähnten Band sind Texte, die Elke Erb als Gedichte anerkennen würde fett gedruckt, im Gegensatz zu jenen, die im Normaldruck als Prosa dargereicht werden. Es kam für mich bei der Lektüre also zu einer technischen Ablenkung, die eine in den Kern war: Doppelter Inhalt: vielleicht ist es das, was ein Gedicht ausmacht. Das Gesagte und das Wie des Gesagten. Und dieses Phänomen wird auch im gerade erschienenen roughbook 048 deutlich, in dem sich auch folgendes Gedicht findet:

Ab hier vermutlich

Ohje, studiere Trotzki, wie er mit den Wissenschaften umgeht,
mehr überblickend, als die Wissenschaftler pro Sparte …

(& gewiss seine Parteigenossen.)

bin dabei müde und trotte so mit mit
ihm

da ist etwas frisches wie Morgenlicht

swo daß ich aber fühle, ach, bin müde …
und den Schlaf-Ort sehe mit einem hohen
Deckbett Heu.

(27.12.14)
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