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James Joyce: Chamber Music / Kammermusik

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Bedächtige Schwärmereien, glanzvolle Lieder


James Joyce gehört gleichsam zu den am häufigsten genannten und am wenigsten gelesenen Autor*innen des 20. Jahrhundert. Ich denke, dass sich dies unter allen literarisch Interessierten bereits herumgesprochen hat und ich daher eine Binsenweisheit ausspreche – aber ich riskiere es mal und wiederhole den oft angebrachten Hinweis, dass die kleineren, weniger hyperbolischen Werke von Joyce allzu oft im Schatten von „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ stehen und viel mehr Beachtung verdient haben (vor allem nicht immer nur als Vorarbeiten zu den beiden Hauptwerken gesehen werden sollten).

Zu diesen kleineren, unterschätzten Werken gehören (neben dem „A Portrait of the Artist as a Young Man“ und den „Dubliners“) auch die erstmals 1907 veröffentlichen Gedichte in „Chamber Music“ (auf Deutsch „Kammermusik“). Es sind Poeme von vollendeter Sanft- und schöner Beiläufigkeit, geradezu spätromantisch heiter, in den Enden oft melancholisch. Für diese neue zweisprachige Ausgabe haben Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst jeweils eine Übersetzung jedes Gedichtes verfasst.

Bid adieu, adieu, adieu,
      Bid adieu to girlish days,
Happy Love is come to woo
      Thee and woo thy girlish ways —
The zone that doth become thee fair,
The snood upon thy yellow hair.

Entbiet Adieu, Adieu, Adieu
        Den Tagen Deiner Mädchenzeit,
Das Liebesglück, es kommt zu werben
        Um Dich und Deine Maidenheit –
Nun fängt die Zeit an, dass Du frei        
Dein helles Haar trägst, ohne Scheu;
         
sag lebwohl, sag lebwohl
             sag lebwohl der mädchenzeit
liebe kommt, ungaukelt dich
            deine mädchenhaftigkeit
deinen gürtel, dein pläsier
deines haargolds zopfmanier

Die Strophenanzahl und Form der Gedichte variiert zwar leicht, aber sie haben immer den Charakter eines kurzen Liedes, eines knappen Ständchens. In ihrem Kreisen, ihrem Flirren und Funkeln, erinnern sie oft an einen Reigen, an die ungetrübte Freude, die man Verzückung nennt; es gibt auch dunklere Stellen, aber wie es sich für eine Lyrik, die sich selbst Kammermusik nennt, gehört, sind diese dunklen Stellen zwar schwerer, tiefer, aber trotzdem niemals disharmonisch, sondern fügen sich ein, widerstandslos.
    Oft geht es um Liebesschwüre, Liebesgeflüster, Liebes-furcht; aber das eigentliche Thema ist nicht die Liebe, sondern das Uneinlösbare des Moments, der davonzieht und den man eben nicht als Saiten auf ein Instrument spannen und erneut spielen kann. Doch Joyce versucht es, mit jener Inbrunst und jenem Überschwang, der gar nicht unbedingt an Keats oder an Shelley oder einen anderen englischen Romantiker erinnert, sondern mehr an die persönliche, im kleineren Rahmen ambivalente, unverfänglich auftretende Poesie von Shakespea-res Sonetten. Die Stimmung: meist hell erleuchtet oder entspannt dunkel.

My love is in a light attire
        Among the apple-trees,
Where the gay winds do most desire
       To run in companies.

There, where the gay winds stay to woo
       The young leaves as they pass,
My love goes slowly, bending to
       Her shadow on the grass;

And where the sky's a pale blue cup
      Over the laughing land,
My love goes lightly, holding up
      Her dress with dainty hand.
                         

Mein Schätzerl streicht im Sommerkleid
Unter den Apfelbäumen hin,
Wo keck die Winde allbereit
           Mit den Gefährten tändeln drin.

Keck die Winde voll Verlangen
           Auf den jungen Blättern blasen,
Hält brav mein Schätzerl unbefangen
           Das Aug am Schättchen auf dem Rasen.

Dort, wo der Himmelsbläue Schale
           Das lebensfrohe Land bedeckt
Hebt Schätzerls Hand im Areale
           Herzrein den Rocksaum an und neckt.

leichte kleider führt mein lieb‘
           unter all die apfelbäume
munt‘ re winde spielen dieb:
           »mit uns! ihr kleidersäume!«

dort, wo munt‘ re winde frei’n
           um all das junge laub im weh’n
geht mein lieb‘ gemach allein
           mag nur noch ihren schatten seh’n

wenn der himmel blaßblau hüpft
           über all das lachende land
geht mein lieb‘ ganz leicht und lüpft
           ihr kleid mit zierer hand

Es ist eine Herausforderung, diese Gedichte zu übersetzen, keine Frage. Oft gar nicht einmal deswegen, weil sehr komplexe Worte und Begriffe in ihnen vorkommen (die man sehr unterschiedlich übersetzen kann, in vielen Nuancen), sondern weil der schwärmerische, luftige Ton, der die Gebilde vom ersten Wort an, dem ersten Anschlagen an, vollkommen zu durchdringen scheint, sich schwer in ein angemessenes Deutsch übertragen lässt, das ebenso klangverliebt und weich ist, aber auch in eine akkurate Übersetzung.

Es ist natürlich eine gute Idee (die Schule machen sollte), jeweils mehrere Personen Übertragungen von ein und demselben Gedicht anfertigen zu lassen und dann zu veröffentlichen. Ich muss zugeben, dass mir die Versionen von Schulze besser gefallen, weil sie meist eine gute Balance zwischen Eigendynamik und Wiedergabe finden. Alban Nikolai Herbsts Versionen sind dafür artistischer, überlassen sich hier und dort etwas zu sehr der eigenen Dynamik, fördern aber deshalb auch schöne Wendungen zutage; es ist fast so, als würde Herbst bei Joyce verborgene Intentionen aufspüren und in seinen Versen entdecken und fortführen.

Wie schon zu Anfang angemerkt: „Chamber Music“ gehört zu jenen wenig beachteten Frühwerken von Joyce, die als eigenständige Kunstwerke anerkannt gehören. Es ist natürlich schwer, diese träumerisch-fidele Poesie mit dem Autor der monströsen (und sprachlich wie formal wegweisenden) Werke „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ zusammenzubringen. Aber muss das denn überhaupt sein? Muss ein Lebenswerk immer als etwas Konsistentes gesehen werden, um jeden Preis? (meist zu dem Preis, dass man bestimmte Werke, die in dieser Hinsicht nicht relevant oder gelungen sind, ignoriert.)

Diese Gedichte sind schöne, gekonnt inszenierte Romanzen, Lieder, Phantasien. Nicht bloß beschaulich, sondern melodisch und rund, wie es die frühen Gedichte von Rilke sind. Die Übersetzungen liefern dazu zwei schöne Perspektiven. Also: rundheraus ein empfehlenswertes Erlebnis!

Strings in the earth and air
Make music sweet;
Strings by the river where
The willows meet.

There's music along the river
For Love wanders there,
Pale flowers on his mantle,
Dark leaves on his hair.

All softly playing,
With head to the music bent,
And fingers straying
Upon an instrument.


James Joyce: Chamber Music / Kammermusik. Nachdichtungen von Alban Nikolai Herbst und Helmut Schulze. Engl./dt. Wuppertal (Arco Verlag) 2017. 150 Seiten. 20,00 Euro.
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