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Harald Hartung: Blick in den Hof

Münchner Anthologie

Harald Hartung

Blick in den Hof

Während es anfängt zu schneien
schaukelt das Mädchen im Hof
schaukelt sich tief
ins wachsende weiße Dunkel
Glück ist ein Sekundenschlaf
Ich schaue auf, die leere Schaukel
schwingt noch ein wenig nach


In: "Aktennotiz meines Engels“ (Wallstein Verlag 2005)

Michael Braun

Wachsendes weißes Dunkel



Eine Doppelexistenz als Lyriker und Lyrikkritiker zu führen und sie gegen alle Anfechtungen über viele Jahre durchzuhalten, ist ein heikler Balanceakt. Zwar kommt man damit nicht automatisch in Teufels Küche, aber unweigerlich in das Dilemma der Befangenheiten. Kann man den Kollegen, über die man in mehr oder weniger plausiblen Denkfiguren urteilt, noch auf Augenhöhe begegnen? Kann man bei der angespannten Erwartung der anderen Autoren noch auf die wertvollste Ressource hoffen, die im Literaturbetrieb zu haben ist – auf Vertrauen? Harald Hartung, 1932 als Sohn eines Bergmanns in Herne geboren, hat als einer der kenntnisreichsten und kompetentesten Lyrikkritiker Respekt und Anerkennung erfahren – aber auch Gereiztheit von Autoren, die sich in seinen Kritiken missverstanden oder abgewertet fühlten. Seine Leistungen als Verfasser von Studien zur Gegenwartslyrik und als Herausgeber von epochalen Anthologien sind legendär. Er begann mit einer streitlustigen Studie über „Experimentelle Literatur und Konkrete Poesie“ (1975), die auch heute noch in ihrer konzisen Expertise lesbar ist, trotz ihrer grimmigen Attacken auf einige Prämissen experimentellen Schreibens. Später kamen ebenso umfassende wie substantielle Monographien zur Lyrik der Moderne und Spätmoderne hinzu, etwa die Aufsatzsammlung „Masken und Stimmen“ (1996), in der er die wichtigsten Stimmen der internationalen Poesie im späten 20. Jahrhundert vorstellte. Und bis heute ist seine Anthologie „Luftfracht“ von 1992 ein grandioses Zeugnis für den dialogischen Prozess, für die fortdauernde schöne „conspiracy“, aus der die „Weltsprache der modernen Poesie“ entsteht.
    In einem Aufsatz des Bandes „Masken und Stimmen“ verwies Hartung auf einen seelenverwandten Autor, den Briten Philip Larkin, dessen „nüchterne Wahrheit der Lyrik“ er für sein eigenes Schreiben adoptiert hat. Seit seinem poetischen Debüt „Hase und Hegel“ (1970) favorisiert Hartung einen diskreten Realismus, der an einer angelsächsischen Lakonie geschult ist und eine entpathetisierende Haltung mit ironischem Understatement verbindet. Hartung ist ein Meister der poetischen Verhaltenheit; er will jede hochfahrende Stilisierung abweisen und sich auf die verborgene Ordnung des Verses verlassen statt auf plakative Reimfügungen oder signalstarke Rhetorik. Seine poetische Domäne ist die Lakonie und ein trockener Humor – und die subtile Zurückhaltung. Um es mit einem Bonmot Hans Magnus Enzensbergers zu sagen: „Wir haben es mit einem Dichter zu tun, der – ganz im Gegensatz zu den vorherrschenden Usancen – sich nicht vor-, sondern zurückdrängt.“ Seine Gedichte sind im besten Sinne unspektakulär, auf die alltäglichen Erfahrungen gerichtet. Die späten Gedichte neigen zur extremen Verknappung, zur zarten Miniatur. „Ich könnte stundenlang zusehn, wie es schneit“, hat Hartung in seinem Gedichtband „Langsamer träumen“ (2002) geschrieben – und auch der poetische Augenblick des vorliegenden Gedichts ist ein solcher traumversunkener Moment, der das innige Schauen, das Betrachten des Schneefalls ineins fallen lässt mit der Aufhebung der Grenzen zwischen Wachen und Schlafen, zwischen Hell und Dunkel. Zunächst ist da nur ein Moment des entrückten Schauens auf ein schaukelndes Kind. Die Szene entfaltet sich aber gleich zu einem Augenblick der Selbstvergessenheit, des Eintauchens in ein „wachsendes weißes Dunkel“, das die Grenze zwischen Beobachtung und Imagination aufhebt. Das „wachsende weiße Dunkel“ ist dabei nicht nur die hereinbrechende Abenddämmerung, sondern auch das vom Melancholiker registrierte Dunkel des Lebens. Das Schaukeln, das noch den Melos eines Wiegenliedes in sich trägt, weitet das Bewusstsein des Beobachters wie des Schreibenden. Es ist zugleich ein Augenblick des schmerzhaften Abschieds. Das Mädchen im Hof, erinnert vielleicht aus der Kinderzeit, ist nur für wenige Momente des imaginierten Schaukelns da, schwingt nur einen Augen-Blick lang in das „weiße Dunkel“ und zugleich hinein in das Vergessen. Die leere Schaukel, die nachschwingt – das markiert auch den Verlust des Glücks, das im „Sekundenschlaf“, der blitzhaften Traumszene, noch anwesend war. Das Gedicht gehört zum Schlusskapitel von Hartungs Opus magnum „Aktennotiz meines Engels“ (2005), in dem der Dichter in der ihm eigenen Diskretion die Erschütterungen der Kinderzeit, die Bedrohungen und Zerstörungen durch den Weltkrieg festhält. Sein jüngster Gedichtband „Das Auto des Erzherzogs“ (2017) bilanziert ebenfalls im Schlusskapitel mit dem bezeichnenden Titel „Coda“ die Verluste, die im Verlauf eines Dichter- und Kritiker-Lebens zu verzeichnen sind. Das letzte Gedicht des Buches liest sich wie ein bitteres Epitaph des Autors auf sich selbst. In drei Zeilen wird der Gesang der Vögel aufgerufen – und zugleich das Singen und Dichten an andere delegiert. Das Ich hat sich aus dem Gedicht „Notiz in der Frühe“ verabschiedet: „Beim Lärm der Vögel/ Andere werden singen /andere dichten“. Am heutigen Sonntag, dem 29. Oktober, wird Harald Hartung, der Dichter und Kritiker und skeptische Lehrer der Lakonie, 85 Jahre alt.


Harald Hartung: Aktennotiz meines Engels. Gedichte 1957-2004. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, 412 Seiten, 28 Euro.
Harald Hartung: Das Auto des Erzherzogs. Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2017, 72 Seiten, 18 Euro.



Foto: Kritzolina





Foto: Martina Kerl

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