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George Szirtes: Kien über Frauen

Gedichte der Woche
Foto: Joanna Millington
George Szirtes:

Aus dem Englischen von Ludwig Steinherr


Kien über Frauen

Betrachte den harten blauen Rock. Betrachte die Dichter der Antike.
Betrachte die blanke rohe Animalität, die du kaum kanntest,
Eh du sie im Fleisch erträumtest. Und so trittst du ein in das Fleisch
Und weißt, es ist korrupt. Du trittst ein in das Nichts.
Es ist Betrug und Wollust, und wenn du die Hände auf sie legst,
Sterben sie wie der Druck in deinem Hinterkopf.
Betrachte das Fleisch. Bist du nicht besser dran ohne?
Bist du nicht reines Wort, reine Anhäufung der Stille
In der Explosion deiner Bücher, doch sie –
Die gierig im Zupacken sich selbst aufopfern, die Sammlerinnen
Der Schmerzen, die Trägerinnen der Farbe, die Glätterinnen der Haut,
Die Metzen der gespiegelten Lust, die dich in ihnen spiegelt,
Wo das Nichts haust – sie, die reinen Gefäße von Tränen, die so trüb sind
Wie Schmutzwäsche, sie sind Schlampen, wollüstige Mörderinnen der Wahrheit
Mit ihren blauen Röcken, die ragen gleich Gebirgen und klingen wie Glocken –
Sie, die nichts lesen außer sechs Seiten von Die Hosen des Herrn von Bredow,
Nur um die Kontrolle an sich zu reißen über eine Welt von Hosen.
Einst kannte ich einen Mann, der nur aus Fäusten bestand, seine Knöchel
Stets hungrig aufs Dreinschlagen – und er fackelte nicht.
Ein Mann mit Frau und Tochter, beide totgeprügelt.
Gendarm war er gewesen, berüchtigt als Der rote Kater,
Zog seine Runden in einer Wüste von Bettlern und Hosenbeinen,
Mein Hüter, mein Abbild, meine düstere Seite, mein Zorn, mein heiserer
Ergebener Diener mit dem roten Gesicht. Ich denke an den Glockenrock
Erklingend von seiner Berührung, ich denke an die antiken Dichter,
An Dalila, Klytämnestra, Penelope, Kleopatra,
An den kurzen scharfen Schock der Trauer, den Gifthauch des Parfüms.
Ich habe keinen Körper, nur Feuer – und mein Feuer reinigt sie,
Ihre Seiten werden Asche, zuckende Zungen von Licht.



Kien on Women

Consider the hard blue skirt. Consider the ancients.
Consider the sheer raw animality you hardly knew
Till you dreamt it in the flesh. And so you enter the flesh
And know it corrupt. You are entering nothing.
It is deceit and luxury and when you lay hands on them
They die like the pressure at the back of your head.
Consider the flesh. Are you not better off without it?
Are you not pure word, pure accumulation of silence
In the explosion of your books, whereas they –
The greedy, the grasping self-sacrificers, the hoarders
Of hurt, wearers of paint, smoothers out of skin, wooers
Of the mirrored lust that shows you within them, where
There is nothing – they, the pure vessels of tears as murky
As washing, they are slatterns, voluptuaries, murderers
Of the truth with the blue mountainous, bell-like skirts,
Who read but six pages of The Trousers of Herr von Bredow
Only to assume control of a world of trousers.
I once knew a man all fists, his knuckles were hungry
And he did not hesitate to lay about with them,
A man with a wife and a daughter, both of them dead,
The man who had been a policeman known as Ginger the Cat,
Around him a desert of beggars and trousers,
My keeper, my likeness, my flipside, my fury, my hoarse
Obliging servant, red in the face. I think of the skirt
Ringing to his touch, I think of the ancients,
Of Delilah, Clytemnestra, Penelope, Cleopatra,
The short sharp shock of grief, a miasma of perfume,
I have no body but fire and my fire purges them,
They are ashes and pages, fluttering tongues of light.

George Szirtes wurde 1948 in Budapest geboren und kam nach dem Ungarischen Volksaufstand 1956 als Flüchtling nach England. Er studierte Kunst und veröffentlichte 1979 den ersten seiner achtzehn Gedichtbände, The Slant Door, der den Faber Memorial Prize gewann. Es folgten zahlreiche Literaturpreise, vor allem erhielt er für Reel 2004 den T. S. Eliot Prize. Er verfasste außerdem drei Kinderbücher, zuletzt How to be a Tiger (2017), und arbeitet oft mit Künstlern, Fotografen und Komponisten zusammen.

In George Szirtes: Bücherverbrennung. The Burning of the Books. Englisch / deutsch. Übersetzt von Ludwig Steinherr. München (Allitera Verlag - Lyrikedition 2000) 2019. 56 Seiten. 10,00 Euro.
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