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Fundstücke

Diskurs / Poetik
Das Dilemma des Lyrikers, des Dichters ist es, daß sein Material, die Sprache von Anfang an so vielen Zwecken gedient hat: vom Gekritzel in einem Pissoir zum näselnden Ton von der Kanzel, vom nüchternen Geschäftsbrief zur bluttriefenden Pro-pagandaphrase. Um Banalität und allgemeine Phrasen zu um-schiffen, muß er - zwischen vielen Untiefen lavierend - sich allmählich einen Stil, eine persönliche Ausdrucksweise zulegen. Allerdings kann es dabei nur allzu leicht geschehen, daß er ins entgegengesetzte Extrem fällt: eine gestelzte, gekünstelte Spra-che, womöglich eine schrille Sentimentalität, die vollkommen überzeichnet, was er wirklich fühlt oder fühlen möchte. Mit den Wörtern wirklich umgehen zu können, erfordert beinahe ein apothekerhaftes Abwägungsvermögen.  

Gunnar Ekelöf:

Aus der Werkstatt eines Lyrikers

(In: Der ketzerische Orpheus) 1999










13.01.2018

Ich habe mir auch vorgenommen, mal meinem Körper mich zu widmen; es ist doch eine Hauptsache, denn alle Kraft und Schaffensfreudigkeit kommt von ihm. Bei mir wenigstens, ich kann keine Verse machen, als wenn ich etwas Uebermaß von Gesundheit habe. Wenn ich gesund bin, sing' ich auf der Stelle was mir einfällt, und schmetternd ströme ich es aus, »das Sehnen meiner Nachtigallenbrust!« das unmusikalische Menschen mit allerhand schlechten Eigenschaftswörtern benennen, als da sind: heiser, quäkend, heulend, greulich u. s. w. Wenn ich aber Uebermaß von Gesundheit habe, dann mach ich mir die Verse selber, und nun laß Einen mir mit Eigen-schaftswörtern kommen! Ich bin so triumphesfreudig dann, daß ich über alle Eigenschaften in der Welt hinausschmettre; es wird wahrhaft grandios.

Annette von Droste-Hülshoff:

Brief Dezember 1840












07.01.2018

Neujahr

Ein Tag des Heils beginnt! Laßt alles Böse fern in Worten und Gedanken, jetzt sollt ihr an einem guten Tag nur gute Worte sprechen! Eure Ohren seien frei vom Zank, und böse Streitigkeiten sollen ganz beiseite bleiben, die neidische Zunge soll ihr Werk (auf einen späteren Tag) verschieben! Siehst du, wie der Himmel vom Weihrauchfeuer leuchtet, wie auf den angezündeten Opferherden die Ähre aus Kilikien knistert? Das Feuer flammt mit seinem Glanze auf dem Gold der Tempel und streut Licht in zitternder Bewegung hoch im Heiligtume aus.

Ovid:

Die Fasten

(I, 71 - 79), ca. 17 n. Chr.








31.12.2017

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