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Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt

Rezensionen


Gerrit Wustmann

Aus der Weite wehen rostige Stimmen
Dincer Gücyeter schnitzt seinen dritten Lyrikband aus Glut

hör zu … aus der Weite wehen rostige Stimmen hierher
geschmiedet auf Saiten einer schweigsamen Harfe

Um Träume geht es in diesem Gedicht, das den Titel „der Junge in weißen Nächten“ trägt. Um Wünsche und Sehnsüchte. Um Orte, an die man sich wünscht oder in die Haut einer anderen Person, um die Suche nach einer neuen Heimat „aus einer verstaubten Landkarte“. Das refrainartige „hör zu“ ist ein Leitmotiv dieses Buches: Der Dichter als aufmerksamer Beobachter und Zuhörer, der die unterschiedlichsten Stimmen und ihre meist traurigen Geschichten in sich aufnimmt. Sei es der Gastarbeiter am Fließband, sei es die junge Prostituierte auf den Straßen Istanbuls, sei es das Flüchtlingsmädchen, das verstummt ist von allem, was ihm angetan wurde, sei es das Kind oder sei es der Vater, der sich in seinem Sohn wieder entdeckt.

Der kleine Nettetaler Elif Verlag hat sich im Laufe der letzten Jahre zu einer gewichtigen Stimme unter den kleinen Verlagen mit Lyrikschwerpunkt gemausert. Hat Erstübersetzungen mehrerer türkischer LyrikerInnen zu uns gebracht, macht sich zugleich um die deutsche wie die internationale Gegenwartslyrik verdient. Dass Verleger Dincer Gücyeter selbst Dichter ist, geht dabei manchmal unter. Zu Unrecht. Nach „Ein Glas Leben“ und „Anatolien Blues“ legt er mit „Aus Glut geschnitzt“ nun im eigenen Verlag seinen dritten Lyrikband vor. Ein Hardcover in edler Aufmachung, illustriert mit melancholischen Fotos von Yavuz Arslan.

„Hör zu“, fordert uns der Dichter auf, und was er zu erzählen hat, ist oft erschütternd. Seine Verse sind ein Brennglas auf die Untiefen der Realität; das Schöne findet sich nur als Wunsch, Fantasie, Erinnerung, hier und da blitzt oder glüht es auf zwischen all den Schrecken von Flucht, Ausbeutung und Gewalt, denen als Kontrapunkt die unschuldige Naivität des kindlichen Blicks entgegengesetzt wird. So hart die Themen oft sind, so sensibel geht Dincer Gücyeter mit der Sprache um, so überraschend und aufwühlend sind oft seine Bilder. Die Gedichte selbst sind dabei formal sehr unterschiedlich, arbeiten mit Klängen und Rhythmen, unerwarteten und ungewohnten Brechungen, setzen geschickt Zitate und prosaische Elemente ein zu Verskompositionen, die über sich selbst hinausweisen.

Aus einem zermürbenden und trostlosen mütterlichen Arbeitsleben macht Gücyeter ein ebenso zermürbend-eindringliches Aufzählungsgedicht, nur unterbrochen von dem über allem stehenden „Schweigen“. „der Junge im Blaumann“ erzählt darauf folgend eine Lebensepisode aus dem Arbeitermilieu, dort spricht „die wildfruchtduftende Fremde / hier beginnt das Wandern der alten Sprache / hier endet der gurrende Schatten einer Taube“, und an der Drehbank lehrt der Himmel die Sehnsucht nach einer Zukunft unter den „durchgestrichenen Gesichtern“. In Gedichten an Mutter und Vater spiegelt sich die ewige Frage nach Identität, nach Heimat und nach Halt in der Welt – einer Welt, die mal liebevoll betrachtet, mal mit verzweifeltem Versuch, zu verstehen hin und her gewendet wird.

der Aufruhr der trojanischen Frauen

denn wir
wir kennen die Räuber
wir kennen die Beute

zu oft pilgerten wir in die Sünde des verschwiegenen Wortes
zu oft sprangen wir über die Zäune der Massengräber
zu oft sangen wir auf dem Schlachtfeld der Narren
unsere übersalzenen Lieder

an unserem Hals die kaltgeschmiedeten Feuerringe
und jedes Mal, wenn ein Boot im Mittelmeer sinkt
rinnen aus unserem Schoß die Kadaver der bunten Schmetterlinge

denn wir
wir wissen
das Onanieren in Beichtkammern ist keine erfundene Geschichte

Das Mittelmeer („gestrandete Kinderschuhe“), die Toten in den Kellern von Cizre, die Toten von Roboski, selbst Rotkäppchen taucht symbolisch auf, und in ihrem Wald sind es Gesichtslose, die nach „Frieden“ rufen wie ein Echo, das ungehört verhallt, und selbst „die Gräser verstummen“.

Ja, es ist harter Stoff, den Gücyeter hier liefert. Er verweigert sich jeder Beschaulichkeit. Bei ihm ist das Gedicht ein Aufbegehren, wie man es heute, vor allem in Deutschland, wo alles sich in Natur und Beschaulichkeit flüchtet, nur selten noch findet. Der Titel ist kein Scherz: An diesen Gedichten kann man sich verbrennen, sie können Alpträume wecken. Gut so!

Dinçer Güçyeter:Aus Glut geschnitzt. Gedichte. Nettetal (Elif Verlag) 2017. 112 Seiten. 18,00 Euro.
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