Direkt zum Seiteninhalt

Buchpräsentation "Unmögliche Liebe"

KIOSK / antimon



Buchpräsentation Unmögliche Liebe

Die doppelte Anthologie

von Katharina Kohm



Kaum erschienen, schlägt die Anthologie mittelhochdeutscher Minnelyrik in neuen Übertragungen wie etwas lang Erwartetes, von dem man nicht wusste, dass es fehlte, in das aktuelle kulturelle Gedächtnis ein.
    Die Anthologie Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen provoziert das Gefühl einer Aktualisierung, eines Updates dieses kulturellen Gedächtnisses – zumindest an diesem 5. Oktober 2017 im Lyrik Kabinett, als die beiden Herausgeber Tristan Marquardt und Jan Wagner ihre Unmögliche Liebe präsentierten und das Publikum, zusammen mit zwei der Übersetzer*innen und Lyriker*innen, Judith Zander und Karin Fellner, in die heute scheinbar ferne Welt der Hohen Minne begleiteten.

Das Aktualisieren einer Gattung, die in der deutschen Literatur seit der Moderne und Postmoderne ein mehr als marginales Dasein fristet, sei, so Holger Pils in seinen einführenden Worten, ein großes Verdienst. Solch ein marginales Dasein dichterischer Tradition, auch wenn es sich um früheste Vormoderne handelt, scheint, im Vergleich zur englischsprachigen Literaturgeschichte und deren Lebendigkeit, ein rein deutsches Phänomen zu sein. Die Rezeption mittelalterlicher Dichtung innerhalb der modernen Poetik, sowohl was partielle Zitation als auch Nachdichtungen betrifft, ist, ein paar Ausnahmen ausgenommen, im deutschsprachigen Raum bisher kaum vorhanden gewesen.

Das umfangreiche Projekt, das bis zu seiner Fertigstellung drei Jahre in Anspruch genommen hat, sammelt dabei nicht nur Minnelieder für unsere Zeit, sondern hat zugleich auch den Charakter einer Kanonisierung der im Übersetzungswerk vertretenen Dichterinnen und Dichter, weil es zugleich auch eine Versammlung eines Teils der aktuellen deutschsprachigen Lyrikszene ist.
    So erscheint das gemeinsame Verzeichnis von Minnesängern, Übersetzerinnen und Übersetzern am Ende des Buchs bezeichnenderweise alphabetisch geordnet (und schlägt somit auch topografisch die Brücke zwischen den Zeiten. Diese editorische Entscheidung illustriert das doppelte Bild dieser Anthologie.)

Darüber hinaus formuliert die Unmögliche Liebe-Anthologie durch ihre Konzeption und philologische Sorgfalt nicht nur eine Brücke zwischen vormoderner und postmoderner Lyrik, sondern auch die Möglichkeit einer Brücke zwischen Wissenschaft und Literatur.

Mitherausgeber Tristan Marquardt, selber Mediävist und Lyriker, versucht hier eine Annäherung beider Bereiche, was dazu einlädt, auch weiterhin den Austausch zwischen Wissenschaft und Literatur allgemein zu fördern und weitere Kooperationen einzugehen.
    Dies spiegelte sich an diesem Abend auch in der Zusammensetzung des Publikums, das besonders zahlreich erschienen war, weil es aus Kreisen von Universität, Lyrik und allgemein Interessierten bestand. So waren Brücken und Wegmarken an diesem Abend angesprochen, postuliert und auch zum Teil realisiert, die dieses Projekt so einmalig machen.

Jan Wagner eröffnete die Vorstellung, indem er ältere Übersetzungen von Lyrikern zitierte, unter anderem mit den Worten Peter Rühmkorfs, der den Minnesang »poetischen Reizstoff, Leuchtstoff, Erregungsstoff, Wirkstoff« genannt hatte. Und so war die Richtung dieser Anthologie deutlich ausgesprochen und angezeigt. In seinem Vorwort schreibt Wagner:


"[...] man wird doch, sobald es an die Übersetzung des nächsten Gedichts geht, alle seine Überzeugungen und Grundsätze wieder revidieren müssen, verlangt doch jedes Gedicht in seiner unwiederholbaren Struktur und Gestalt eine Lösung, die nur hier und nur für dieses Gedicht gültig ist, [...]"










v.l.n.r. Tristan Marquardt,
Karin Fellner, Judith Zander,
Jan Wagner

Foto: K. Kohm


Dies führte zur Grundsatzfrage von Übertragung und Übersetzbarkeit, nämlich auf welche Weise man dem Original am nächsten komme, ihm treu bleibe. Die bis dato gängige wissenschaftliche Prosaübersetzung, die auf Reim und Metrum verzichte, um den genauen Inhalt abzubilden, oder etwa lyrische Nachdichtung, für die man sich in der Regel in dieser Anthologie entschied, damit, so Wagner, das jeweilige Lied, im Ton getroffen, wieder erlebbar und erfahrbar gemacht werde.
    So ist es auch zu verstehen, wenn Judith Zander in ihrer Übertragung eines Lieds von Frauenlob beispielsweise vom "Knick in der Optik" spricht und das Lied somit zwischen Ernst und Ironie oszilliert und gleichzeitig in einer aktuellen Sprache herüberkommt:

"liebe, du bist schuld an allem –
soll mich denn ein bloßer anblick
immer nur in gram und groll und kummer stürzen?
das wär ja nicht auszuhalten –
liebe, hast du in der optik
keinen knick, dann tu das unrecht doch verkürzen,
dass ich auch mal mit ihr plaudern
kann, der warmen, weichen, zaudern-
den, die meine herzensmauern
ziert, wie ein rubin in gold gefasst mag blitzen."

Judith Zander, S. 222f.


Zum Vergleich die Strophe bei Frauenlob:

"Minne, das sint dein schulde,
sol ich durch ein angesichte
imer in so kumer tragenden sorgen sein.
zwar, das wer wol ein ungedulde.
Minne, hast du recht gerichte,
so la durch dein güte vuge werden schein,
so das ich mich mit ir müß erkosen
mit der zarten, süssen, losen,
die sich in meines hertzen closen
hat verwieret als in gold ein liecht rubein."

Frauenlob, S. 223.


Den besonderen Ton des jeweiligen Lieds zu treffen, erfordert vielleicht die Arbeit von Dichtern und Dichterinnen, die in Kommunikation mit diesen Texten treten. Und so schreibt Tristan Marquardt zur Textauswahl in seiner Einführung:

"Die schiere Anzahl an Übersetzungsansätzen, die in diesem Buch ihren Ausdruck gefunden haben, führt letztlich zu einer wundervollen neuen Paradoxie: In der Unmögliche Liebe-Anthologie spricht nicht ein Heinrich von Morungen oder ein Oswald von Wolkenstein, sondern es werden zig Heinriche und zig Oswalde in zig Tonlagen übertragen. Dem engen lexikalischen Inventar der Minnesänger steht ein vielfältiges Vokabular an Übersetzungen gegenüber."

Einführung, 21.


Judith Zander las an anderer Stelle ihre Übertragung von Neidhart:

"meine dame ist etwas charakterschwach,
wer ihr dient, der kriegt nur kranken lohn beschert:
sie verleitet aus gewohnheit und man ist verdutzt.
liebe kennt sie keine, hält nur den in schach,
der ihr hingegeben bald zur hölle fährt.
selig ist, wer rechtzeitig bei ihr die kurve kratzt,
dass er stinknormal
kleine brötchen backt, real
davon satt zum abendbrot wird, ohne magenqual."

Judith Zander, S. 145.


"Ist das niht ein wandel an der frouwen min?
wer ir dient, dem ist kranker lon beschert.
si verleittet mangen, das er in der druhe belit.
des muoss laider liebes einig sin,
der in irm dienst hin cze helle fert.
er ist sӕlig, der sich von ir weret an der czit,
das er an dem tag
sinen pfennig hie bejagm
den er um die vesperczit verdienet mit im trag."

Neidhart, S 148


Karin Fellner sprach zu ihren Übertragungen, im Dialog mit Tristan Marquardt, von zwei speziellen Herausforderungen, mit denen sie beim Übertragen mittelhochdeutscher Texte konfrontiert gewesen sei, nämlich zum einen ist der Versuch einer Erhaltung des Klanggerüsts und zum anderen die viel kompaktere Sprache des Mittelhochdeutschen. Die vermeintliche Nähe zum Neuhochdeutschen werde bei der Übersetzungstätigkeit nicht eingelöst, man werde im Gegenteil angefremdelt und zugleich überrascht, so Fellner.
    Sie las unter anderem ihre Übertragung eines Lieds von Konrad von Würzburg, der schon mit dem Minnesang bricht, ihn gerade in Bezug auf die ständige Wiederholung des Themas kritisiert:

"Erneut soll ich   von roten Rosen singen,
von den Wonnen des Mais,
von dem Blumenweiß   auf allem wilden Zweigen.
Andres beunruhigt mich, drum will's mir nicht gelingen,
in rühmenden Tönen
vor den schönen   Blumen mich zu neigen.
Ich prangre vielmehr an,   wie schamlos die Reichen
in allen Bereichen   sich schändlich verhalten.
Nichts kann mich erweichen
für Rosen und dergleichen mein   Lied jetzt zu entfalten."

Karin Fellner, S.197


"Ich solt aber singen   von den rôsen rôt
und des meien güete,
der mit sîner blüete   zieret wilden hag.
Nu wil mich betwingend   es ein ander nôt,
das ich mit gedœne
liehte bluomen schœne   niht geprîsen mag.
Ich muos strâfen   die verschamten rîchen tugendelôsen,
die sich in der schande klôsen   hânt getân.
Ich enwil nicht kôsen
huire von den rôsen   ûf dem grüenen plân."

Konrad von Würzburg, S. 198


Im Verlauf des Abends wurden viele Facetten des Buchs präsentiert, die zeigen, wie unter-schiedlich doch jeweilige Zugänge zu den Einzeltexten des Minnesangs sein können, und dass dabei der Komplex 'Verlangen, Eros, physisch orientierte Liebe – platonisch-geistige Liebe und die jeweiligen Fallstricke dazu' in unsere Zeit getragen werden kann und uns doch bekannt und nicht fern oder abgerückt vorkommt, sondern erfahrbar wird.
    Und so lautet die Übertragung von Daniela Seel des wohl berühmtesten Gedichts der Minnelyrik, dessen Verfasser unbekannt ist:

"Du irgend mein, ich dir
Verlass, Verlass sei dir.
In meine Brust
beschlossen,
Schlüsselchen – ists hin.
Wirst noch und je darin."

Daniela Seel, S. 25


"Du bist mîn, ih bin dîn.
des solt du gewis sîn.
du bist beslossen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzellîn.
du muost och immer darinne sîn."

Anonym, ebd.


Das Abwägen und Erspüren beim Übertragen eines Gedichts erscheint dabei beinahe greifbar, nimmt man die Eindringlichkeit und den Ernst dieses Gedichts und seiner Übertragung an dieser Stelle wahr.
  Damit scheint die Liebe zum Wort gerade auch in der Arbeitsweise zu liegen, das Gedicht an sich herantreten zu lassen, es in das Aktuelle hinüberzutragen und es dort der Zeitlichkeit zugänglich zu machen.


(Tristan Marquardt, Jan Wagner:) Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen.  München  (Carl Hanser Verlag - in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lyrik Kabinett) 2017. 304 Seiten. 32,00 Euro.
                                                                                                                                                                          


Zurück zum Seiteninhalt