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Bertolt Brecht: Sprachwaschung

Diskurs / Poetik > Moderne



AUS DEM ARBEITSJOURNAL (1940)


„Profane und pontifikale Linie der Lyrik"



Die Sprachwaschung, die ich mit den finnischen „Epigrammen“ vornehme, lässt mich natürlich an die Entwicklung der Lyrik denken. Welch ein Abstieg! Sofort nach Goethe zerfällt die schöne, widersprüchliche Einheit, und Heine nimmt die völlig profane, Hölderlin die völlig pontifikale Linie. In der ersten Linie verlottert die Sprache in der Folge immer mehr, da die Natürlichkeit durch kleine Verstöße gegen die Form erreicht werden soll. Außerdem ist die Witzigkeit immer ziemlich unverantwortlich, und überhaupt enthebt die Wirkung, die der Lyriker aus dem Epigrammatischen zieht, ihn der Verpflichtung, lyrische Wirkung anzustreben, der Ausdruck wird mehr oder weniger schematisch, die Spannung zwischen den Wörtern verschwindet, überhaupt wird die Wortwahl, vom lyrischen Standpunkt aus betrachtet, unachtsam, denn es gibt im Lyrischen eine eigene Entsprechung für das Witzige. Der Dichter vertritt nur noch sich selber. Die pontifikale Linie wird bei George unter der Maske der Verachtung der Politik ganz offen konterrevolutionär, d.h. nicht nur reaktionär, sondern wirkend für die Konterrevolution. George ist unsinnlich, und setzt dafür verfeinerten Kulinarismus. Auch Karl Kraus, der Repräsentant der zweiten Linie, ist unsinnlich, weil rein spirituell. Die Einseitigkeit beider Linien macht eine Beurteilung immer schwieriger. Bei George hat man einen extremen Subjektivismus, der als objektiv auftreten möchte, indem er formal klassizistisch auftritt. In Wirklichkeit ist die Lyrik Krausens bei aller scheinbaren Subjektivität doch objektnäher, trägt mehr Sache. Kraus ist schwächer als George, das ist unglücklich. Er wäre so viel besser sonst. Im Gegensatz zum Bürgertum befinden sich beide (George ist klerikofeudal, das „Heidnische“ bei ihm ist natürlich Religion; Kraus ist „radikal“ kritisch, aber rein idealistisch, liberal), so dass jedenfalls bei beiden Linien sichtbar wird, wie das Einhalten der kulturellen Linie an die Preisgabe bürgerlicher Interessen geknüpft ist. Die Schule, die George gebildet hat, wird nur dann etwas ergeben, wenn sie sich an Übersetzungen hält. Dabei verschafft sie sich nämlich die Sache, die sie sich auf keine andere Weise verschaffen kann. Kraus gibt in seiner eigenen Lyrik kaum Muster für seine Sprach- und Verslehre, man muss sich ziemlich direkt an diese halten.


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