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Bairische Gedichte aus 40 Jahren

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Lyrik Kabinett goes Dialekt

Der lichtung verlag stellt am 27.01.2014 seine Anthologie „Vastehst me. Bairische Gedichte aus 40 Jahren“ vor.



Der Abend beginnt mit viel Lachen – in seiner Begrüßung nähert sich Dr. Holger Pils dem bairischen Idiom an. Sein Versuch, „Vastehst me“, den Titel des vorgestellten Buches auszusprechen wird in dem dicht besetzten Zuschauerreihen von den offensichtlich hauptsächlich einheimischen Besuchern mit nicht nur einer Lachsalve quittiert. Staatssekretär Bernhard Sibler, der das anschließende Grußwort spricht hingegen kann nicht verhehlen, dass er vom Dialekt doch mehr versteht als von der Lyrik, der er offensichtlich sehr zugeneigt ist.
Durch den inhaltlichen Teil des Abends führen der Gründer des Lichtung Verlags, Hubert Ettl und die beiden aktuellen Geschäftsführerinnen, Eva Bauernfeind und Kristina Pöschl. Zunächst erschreckt Hubert Ettl mit der Ankündigung, dass elf der fünfzig in der Anthologie versammelten Autoren lesen werden – das klingt nach einem langen und vielleicht ermüdenden Abend. Aber bevor das Publikum dazu kommt, darüber nachzudenken, geht es auch schon mit den ersten dreien los: Zum Thema „D Berg duftn im Blau“ lesen Walter Flemmer und Albert Sigl Gedichte, die sich noch weitgehend in dem Rahmen bewegen, was man von Dialektlyrik erwartet – wenn auch die angenehmste Variante davon. Für die Nicht-Bayern im Publikum erklärt Albert Sigl den Begriff „Impn“ (Bienen), in dem gleichnamigen Gedicht beeindruckt er mit einer eng persönlichen Perspektive auf Bienensterben als Metapher für die Zivilisationskrise und endet mit den Worten „Wia des weidageh soi, des frog i mi.“ Dann liest mit Carl-Ludwig Reichert der – wie er selbst sagt – als einziger Autor des Abends „die politische Abteilung“ vertritt,  und es wird deutlich, dass die Bandbreite der Texte auch im Dialekt eine sehr große ist. Reichert deklariert sein Gedicht „wan i bsuffa bin“ von 1969 leicht ironisch als frühe poetische Reflektion zum Thema Naturschutz – der Text schildert sehr lakonisch die Sorge des lyrischen Ichs, die Ameisen könnten in seinem „gschbeibads dasauf[n]“. Eine Darbietung, die abermals einiges an Lachern erntet. Generell zeichnen sich die dargebotenen Gedichte durch prägnante Kürze aus, die zumeist einiges an Pointen bereithält.
Auch das eher düstere Kapitel „Aaf d lezd“ („Zum Letzten“) wird in seinem ganzen Facettenreichtum vorgestellt, zeigt sich aber ebenfalls mit viel Humor. Alfons Schweiggert liest mit seinem Gedicht „am grob vom Karl Valentin“ eine Hommage an einen der Großen der Dialektliteratur,  Wolfgang Oppler und Siegfried Völlger präsentieren in ihren Gedichten „Nochruaf“ und „wose brauch freind“ bitteren schwarzen Humor.











Siegfried Völlger










Margret Hölle

Fotos: Christel Steigenberger

Am ausführlichsten wird das Thema Liebe an diesem Abend ausgeleuchtet – passenderweise übergibt Helmut Ettl hier an Eva Bauernfeind. Margret Hölle, die Grande Dame der Dialektliteratur, begeistert das Publikum unter anderem mit ihrem Gedicht „Döi Aung“, aus dem das Zitat stammt, mit dem das gesamte Kapitel überschrieben ist, „Döi Aung hans gwen“. Dieses Gedicht zeigt exemplarisch, wie in vielen der Dialektgedichte Kargheit der Sprache auf sehr konkrete Bildhaftigkeit trifft und damit einen Blick in eine sonst verschlossene Gefühlswelt der Menschen in ländlichen Strukturen ermöglicht. Maria Magdalena Rabl und vier weitere Autoren blättern dann weitere Aspekte  der Liebe auf, vom „I möcht di kennalerna“ (Alfons Schweiggert) über das „gspürn“ … „wia dei Bluat duachd Adern sausd“ und dem „an deim schneeweißn Hois zuzln“ (Bernhard Setzwein) bis zu der Erkenntnis:


„mim Denka alloa
Hob a ma denkt
Kimmst aa ned recht weida“ (Albert Sigl)

Von Kristina Pöschl wird das Publikum durch den Rest des Abends geführt. Hier offenbart das Kapitel „Mei Sprouch is mei Haus“, dass im Dialekt geschriebene Gedichte durchaus auf einer Metaebene sprachkritisch und poetologisch interessant sein können. Bernhard Setzwein reflektiert in „Gedichte muaßd trocknan wiad Schwammerl“ über Schreibprozess und Wirkung, während Alfons Schweiggert in „Woin“ raffiniert die grammatischen Formen des Wollens auf Bairisch durchdekliniert.
Bevor Autoren und Zuschauer gemütlich „A Hoibe mitanand“ oder auch in der Tradition des Lyrik Kabinetts a Glasl Wein zusammen trinken und miteinander den Abend beschließen können, lesen noch drei Autoren aus dem gleichnamigen Kapitel. Anton G. Leitner präsentiert hier als einziger ein Gedicht zweisprachig – seine Übersetzung des derb-humorigen Gedichts „Verserlschänkn“ sorgt abermals für schnelle Lacher. Deutlich hintersinniger parodiert Siegfried Völlgers Gedicht „heid“ die männlich-stoische Haltung, Gefühle nicht zu zeigen – weil das lyrische Ich seine Gefühle als so erschütternd erlebt, dass es Erdbeben auslösen könnte und es nicht will, dass in der Zeitung darüber berichtet wird:

„do gfreiame
liawa aso
dass koana
gschband“  

Als man sich endlich eingehört hatte beziehungsweise so richtig auf den Hörgeschmack gekommen ist, ist die anhand von Gedichten durchchoreographierte vielstimmige Lesung schon zu Ende. Gerne hätte man von der einen  Autorin oder dem anderen Autor noch mehr hören können.

Ich freue mich über diesen Abend nicht still, ich schreibe darüber, denn ich habe viel über die Vielfältigkeit der Dialektlyrik gelernt, die in dem Band „Vastehst me“ in einem Sammelband mit Beispielen aus 40 Jahren gezeigt wird. Der Band versammelt die wichtigsten Mundartlyriker aus Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz. Das Spektrum der Texte reicht von traditionellen Gedichten über zeitkritische und politische Poeme bis zu experimentellen Texten. Da einige Texte auch in wenig verbreiteten Unterarten der Mundart verfasst sind, ist das Glossar am Ende des Buches nicht nur für Nichtbayern interessant.


Christel Steigenberger



Vastehst me - Bairische Gedichte aus vierzig Jahren. Hrsg. von Eva Bauernfeind, Hubert Ettl, Kristina Pöschl. Viechtach (lichtung verlag) 2014. 208 Seiten. 16,80 Euro.

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