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Apuleius: Metamorphosen oder Der goldne Esel

Rezensionen


Kristian Kühn

Vom Halbtier zum Menschen


Mit dem 400. Band der Anderen Bibliothek will ihr Verlagsleiter Christian Döring, wie er sagt, „traditionsbewusst zurück zu den Anfängen“ kehren, denn beim Band 1 handelte es sich um die "Lügengeschichten und Dialoge" des Lukian.

Keine Frage, diese Jubiläumsedition, „Metamorphosen oder Der goldne Esel“ von Apuleius, gehört eindeutig zur Weltliteratur. Ebenso das darin enthaltene Märchen „Amor und Psyche“. In Latein von dem Schriftsteller, Redner, Priester und mittelplatonischen Philosophen Apuleius von Madaura (2. Jh. n. Chr.) verfasst, kann man sie als geheimnisvolle, vielschichtige Textmixtur der Gattung spätantiker Mysterienromane lesen.

Ich will Dir, lieber Leser, in diesem milesischen Märchen allerhand lustige Schwänke erzählen, welche Deine Ohren auf das Angenehmste kitzeln sollen, wo Du anders ein Buch, das in dem kurzweiligen ägyptischen Tone geschrieben ist, Deiner Aufmerksamkeit nicht für unwürdig achtest. Auch sollst Du darin all Dein Wunder sehen, wie Leute in andere Gestalten verwandelt werden und abwechselnd wieder in ihre eigentümliche zurückkehren. Ich hebe gleich an. Zuvörderst nur ein Wort, wer ich bin.

Apuleius schrieb nebenbei auch Gedichte und veröffentlichte Abhandlungen über unterschiedliche, insbesondere philoso-phische Themen und Reden. Ein Großteil seiner Werke ist jedoch nicht erhalten geblieben. Interessant im Zusammen-hang der hier besprochenen Metamorphosen ist seine Abhandlung, die auch „Apologie“ genannt wird oder „In eigener Sache über die Magie“. Gehalten wurde sie als Rede vor Gericht, das in den späteren Jahren des Apuleius (als er eine sehr reiche Witwe heiraten wollte,) über seine Anklage wegen Zauberei zu befinden hatte.
    Auch als Gerichtsredner in eigener Sache zeigt sich Apuleius witzig, schlagfertig und angriffslustig; mit Vorliebe erzielt er – nicht nur in dem Roman – Effekte durch Spott und Ironie und nutzt jede Gelegenheit, seine umfassende Bildung zur Schau zu stellen. Apuleius scheint aus dem Stegreif zu sprechen und spontan auf die Gefühlsregungen des Publikums oder Auditoriums einzugehen.

Im Prozess will er vom Hauptvorwurf ablenken, sich der Zauberkunst bedient zu haben. Es geht dabei um die Bedeutung einer Statuette, die seine Ankläger als einen „sceletus“ (Skelett) bezeichneten, der magische Kräfte habe. Für den Prozess war es notwendig, dass Apuleius zeigen konnte, diese Statuette sei harmlos. Dazu benutzte er einen Exkurs in die platonische Theologie. Hinzu kommt, dass er in seinem philosophischen Abriss „Über Platon“ betont, dass Gott schwierig zu begreifen sei und einer Gruppe uneingeweihter Zuhörer nicht beschrieben werden könne. Auch in anderen philosophischen Texten schreibt er von Themen wie göttliche Vorsehung, ihre Verbindung mit dem eisernen Gesetz des Fatums, über den freien Willen des Menschen und das launische Spiel der Fortuna.

Kein Übel dürfe Gott zugeschrieben werden, ist sein Hauptargument, weil dieser schon dem Begriff nach nur gut sein könne. Neben dem schuldhaft Bösen gibt es für ihn das durch Erfahrung bezeugte, das physisch Böse, etwa Unglücksfälle, Krankheiten, Seuchen, alle möglichen unerwarteten Dinge jenseits des Willens des Menschen, kurz das Böse, das uns in der Natur, in der uns umgebenden Wirklichkeit begegnet. Apuleius beschränkt sich quasi (auch im goldenen Esel) darauf, das Böse zu schildern, dabei seine Entstehung nur anzudeuten, es stets mitschwingen bzw. lauern zu lassen. Erst durch die verzweifelte Anrufung des Protagonisten, Anfang des 11. Buches, und seine Aufnahme in den Isis-Kult wird er von Schuld und Schicksal erlöst und ein neuer Mensch, bzw. überhaupt erst Mensch.

So ist das buntgemischte Werk seiner Wandlungen ein einzigartiger Sittenspiegel der antiken Zeit. Schon Apuleius‘ Landsleute Augustinus und Fulgentius haben es, aufgrund der Lösung von alter Schuld am Ende, „Der goldene Esel“ genannt (Asinus aureus), und unter diesem Epitheton ist der Roman auch – statt des eigentlichen Titels „Metamorphosen“ – auf die deutsche Leserschaft übergegangen.

Die Geschichte der Psyche steht genau in der Mitte dieser Metamorphosen. Die Haupthandlung des Romans erzählt zwar das Schicksal des jungen Römers Lucius, der durch seine vorwitzige Neugier in einen Esel verwandelt wird. Er muss den verschiedensten Herren und Damen dienen und durchirrt die Welt. Schließlich wird er – nach einer verzweifelten Anrufung – durch die Gnade der Isis von seiner Eselsgestalt befreit. Viele Mühen, Ängste und Gefahren hat er überstanden. Bis er der Einweihung in den Isiskult und ihrer Mysterien teilhaftig wird.

Der Esel ist sowieso die Verkörperung all dessen, was der Isis feindlich ist, ist Symboltier des Seth, des Mörders des Osiris. Doch jeder, der in ihren Dienst tritt, wird wie Lucius aus einem Esel in einen Menschen verwandelt.

Als Symbol für seine Wandlung zurück zum Menschsein steht die Rose – sie, irgendeine, muss er zuvor als Esel berühren, um zu seiner eigentlichen Natur zurückzufinden – doch gelingt ihm das nicht, 10 Bücher bzw. Kapitel lang.

Die Geschichte des Lucius und der Psyche (aus dem parallel zu Lucius integrierten Märchen von Amor und Psyche) sind einander in den Grundzügen sehr ähnlich – Lucius wird schließlich ein Diener der Isis, Psyche eine Dienerin der Venus (= ein Aspekt der großen Göttin, die von sich sagt: Ich bin Isis, die eine, die ich Alles bin). Durch Neugier wird Lucius zum Esel – Psyche, die den göttlichen Geliebten nachts betrachten will, mit der Trennung von Amor/Eros bestraft. In Irrfahrten sucht Lucius seine wahre Gestalt, Psyche sucht ihren geliebten Eros. Das ganze Leben eine Irrfahrt. Die Weihe des Lucius schließlich im 11. Buch enthält eine Reise ins Land des Todes – Psyche steigt am Ende des Märchens zu Persephone hinab. Beide sterben und werden gerettet.

Psyches Leidensweg ist in Märchenform erzählt – der Lebensbericht des Lucius eine Art Beichte. Denn nach seiner Einweihung wird er ins Priesterkollegium aufgenommen und erzählt seine Geschichte, die vorher schon der Leserschaft bekannt ist.

Es gibt auch andere antike Mysterienromane. Ihr Grundtyp ist erotisch-mystisch – da sind weitere Isisromane (Xenophon, Achilleus Tatios u.a.) überliefert, gefolgt von einem Mithrasroman und dem ebenso berühmten Heliosroman „Die äthiopischen Abenteuer“ des Heliodors. Auch sind parodistische Romane überliefert, in denen Scherz und Ernst nebeneinander stehen. Sogar ein Eselsroman war schon vor Apuleius vorhanden, der wohl die pythagoreische Seelenwanderungs-lehre auf die Schippe nahm  – dieser ist allerdings nicht erhalten. Doch gibt es von Lukian einen Abriss: „Lukios und Der Esel“.

Indem man die damals neue Gattung, den Liebesroman, parodierte und seinen Bezug zum Kult aufgab, wurde er zur reinen Literatur. Doch hat  Apuleius den griechischen Eselsroman nicht nur lateinisch bearbeitet, sondern ihm dabei wieder einen ernsten religiösen Sinn unterlegt.

Erstaunlicherweise haben auch die meisten späteren Mysterienromane einen satirischen, einen schlüpfrigen Anstrich (z.B. Rabelais‘ Gargantua, aber auch Hoffmanns „Goldner Topf“ oder Meyrinks grünes Gesicht), so als werfe man, dem Sprichwort gemäß, Perlen vor die Säue.

Der Stil des Apuleius hat sein Gewicht durch eine sprachliche Aufdringlichkeit, durch die gebildetere feine Stände schon damals sich provoziert fühlten. Wieder  andere bildeten über die Jahrhunderte eine begeisterte Leserschaft, empfanden gerade am Hokuspokus der Sprache ein Vergnügen, an dieser Spielart jenes manierierten rhetorischen Stils der hellenistischen Zeit, der an die Sophistik anknüpft und zur Zeit des Apuleius wieder in Mode gekommen war. Apuleius selbst bagatellisiert in der Vorrede seine Kunst als „hübschen Klingklang“ und „Zirkus-reiterprogramm“.

Joris K. Huysmans, von Michel Houellebecq als Vorbild verehrt, schreibt in „Gegen den Strich“: „in seinen „Metamorphosen“ kam die lateinische Sprache zu voller Entfaltung, sie führte Schlacken und alle möglichen, aus jeder Provinz fließenden Wasser mit sich, und alle vermischten sich, schwammen zu einer sonderbaren, exotischen, fast neuen Farbe zusammen, Manierismen, neuartige Einzelheiten der lateinischen Gesellschaft schmiegten sich in Neubildungen, die in irgendeinem Winkel Afrikas für die Bedürfnisse der Unterhaltung geschaffen worden waren; außerdem belustigten die Jovialität eines zweifellos feisten Mannes und sein südliches Temperament.“

Es gibt auch andere Übersetzungen ins Deutsche, auch neuere, aber diese von 1790 ist nach wie vor die poetischste. August Rode war ein deutscher Schriftsteller, Beamter und Politiker – gewissermaßen dem Apuleius nicht ganz unähnlich in der Vielseitigkeit seiner Betätigungsfelder.

Wer also sich an den Verwerfungen und Wandlungen der langsam ausklingenden Antike delektieren mag, die bekanntlich gewisse Ähnlichkeiten zu heute aufweist, oder neugierig ist auf versteckte wie offen ausgesprochene religiöse Aspekte der Mysterien-Tradition oder einfach nur entdecken will, was man alles in Prosa stilistisch furios machen kann, diesen Lesergruppen sei der Roman wärmstens empfohlen. Jene, die bibliophile Ausgaben schätzen, nummeriert, limitiert, mit ausgestanzter, goldener Bauchschleife, geprägtem Einband, goldenem Vorsatzpapier und anderen Besonderheiten, die mögen bestimmt gerne diese Jubiläumsausgabe der Anderen Bilbliothek wählen.

Da sind jedoch auch preiswertere zu erwerben, von Rode übersetzt oder anderen, und die Halbinteressierten, die nur mal im Internet stöbern wollen, unentgeltlich, die schauen vielleicht vorab beim Projekt Gutenberg – Klassische Literatur Online nach.


 
Apuleius: Metamorphosen oder Der goldne Esel. Übersetzt von August Rode. Buchgestaltung: Manja Hellpap. Berlin (Die Andere Bibliothek) 2018. 420 Seiten. 42,00 Euro.
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