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Alexandru Bulucz: Anstatt einer Rezension zu einem Band, der nicht rezensiert wurde

Rezensionen / Verlage



Alexandru Bulucz:

Anstatt einer Rezension zu einem Band, der nicht rezensiert wurde



„Wo Verschlüsselung ist, ist auch Aufschluß, wo Rätsel ist, ist auch Rat, das Wort sagt es." (Erhart Kästner) Würde ich Kästners Überzeugung nicht dann sogar noch teilen, wenn man aus Dichtung ein Geheimnis macht, obwohl es dessen nicht bedürfte, ich würde den ein oder anderen Gedichtband schon nach den ersten Seiten weglegen und nicht wieder aufschlagen.

In seiner Rede für Paul Celan bei der Verleihung des Bremer Literaturpreises 1958 fragt Kästner nach dem „Sinn der schweren Verschlüsselung und Verrätselung“ in Celans Lyrik. Man könnte daraus folgern, dass er ihm die Absicht (was hier nichts anderes bedeutete als Willkür) unterstellt, bestimmte Inhalte in Gedichtform zu verschlüsseln. Wäre dem so, wäre Celan ein Clown, dessen Aufgabe wesentlich darin besteht, seine Leser in deren Unvermögen, ihn zu entschlüsseln, vorzuführen, ihnen auf der Nase herumzutanzen. Dass Kästner an diesem Vorwurf überhaupt nicht gelegen ist, wird in jenem Teil seiner Rede deutlich, der Auskunft gibt über seinen Begriff der Verschlüsselung.

Dort behauptet er meines Erachtens zu Recht, dass Celans „Gedichte Schicksal tragen und haben. Ich meine jetzt nicht, daß sie Biographie haben, von der ich nichts weiß, die wohl da sein kann, aber ich kann es nicht wissen, sie ist in jedem Falle weit weg, außer Ruf-, außer Hörweite. Ich meine also nicht einen Lebenstoff, den ich nicht kenne, aber ich spüre, daß so etwas da ist, ich spüre eine Last, ein Gewicht, einen Mut, eine Trauer, spüre Überwindung und Drängen und Treiben.“ Kästner, der natürlich einiges über die Biographie des Prämierten weiß, ignoriert sie, um noch pointierter die schicksalhafte Alternativlosigkeit der Celanschen Gedichtform hervorzuheben. Sie beruht auf Drang und Trieb, auf einer geschichtlichen Dringlichkeit: auf Bedürfnissen also, die per se nichts am Hut haben mit Freiheit oder einem kontrollierten und kontrollierbaren Verschlüsselungsunternehmen. Dadurch deklariert er Celans poetisches Schreiben im Grunde als Existenzial, als Daseinsmodus.
In rezeptionsgeschichtlicher bzw. -ästhetischer Perspektive betrachtet, geht es ihm als Leser (aber auch als Kritiker) um eine Wirklichkeitserweiterung, und über die Wirklichkeit, die er in den Gedichten vorfindet, kann er nur staunen. Diese Gedichtwirklichkeit ist für ihn derart unfassbar, dass er nur vom „Zauber“, der von ihr ausgeht, und von der „Kraft“ sprechen kann, die in ihr und über ihr „gespürt wird: Liebeskraft, Leidenskraft, also Lebenskraft“. Das natürlich sagt nicht viel aus über Celans Gedichte. Mehr noch ist es ein hündisches Schweigen, das sich breit macht, wohl ein Schweigen aber, dem vor lauter Wirklichkeit nur ein „Unmöglich!“ oder „Das kann nicht wahr sein!“ hat vorausgehen können.
Celans poetische Verschlüsselung und Verrätselung? Das Gedicht als eigentlich unmögliche, weil unbegreifliche Geschichte und dann das Gedicht als Einsicht in diese tatsächliche Möglichkeit … und wieder trifft Kästner den Nagel auf den Kopf: Er weiß ganz genau, dass es nur um den Aufschluss durch die Verschlüsselung gehen kann. An einer Entschlüsselung kann er kein Interesse haben. Der Begriff der Geschichte (Geschichtsphilosophie) scheitert immer an der Geschichte.
Dichtung sollte keine Phantasiespielerei sein. Kästner 1958 über das, was 1970 gewesen sein wird: „Zu hoch ist sein Anspruch, zu unbedingt seine Vorstellung, was das sei: ein Gedicht, zu überzeugend sein Künstler-Ernst, zu spürbar sein Wille, jeden, einmal wirklich jeden Preis für ein gelungenes Gedicht zu bezahlen, jeden Lebenspreis“.

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