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Akademie zur Lyrikkritik 1 - Hendrik Jackson: Kritik als Krise

Diskurs / Poetik > Zur Kritik

Akademie zur Lyrikkritik, 1 –
Hendrik Jackson: „Kritik als Krise“
 

Hendrik Jackson hat, gefördert vom Berliner Haus für Poesie und der Kulturstiftung des Bundes, eine Akademie zur Lyrikkritik ins Leben gerufen, die in vier Seminarblöcken tagen will. Der erste Block hat bereits im September begonnen. Drei weitere Doppelsitzungen des ersten Blocks an jeweils zwei Tagen (im Oktober, November und Dezember) sollen 2018 noch folgen. Die Blöcke zwei und drei sind für 2019, der vierte für 2020 vorgesehen.
    Zur Eröffnung am 14. September hielt Projektleiter Jackson sein Kurzreferat: „Kritik als Krise“. Darin führte er aus, dass beide Begriffe, Kritik und Krise, ihre Wurzel im griechischen Verb krī́nein (κρίνειν) haben, also im Scheiden, Sichten, Trennen, Unterscheiden. Aber auch in der Zweitbedeutung, dem richterlichen Urteil. Und drittens in der Auswahl.

„Wird Krise zunächst definiert als einerseits Kulminationspunkt (als ein Zu-Viel), andererseits als Unmöglichkeit oder Unentschiedenheit zwischen Möglichkeiten, könnte mit ähnlichen Zuschreibungen die Position, der Zustand der Kritik bestimmt werden. Sie ist sowohl ein Weder-Noch, als auch ein Sowohl-als-Auch: Sie sitzt zwischen und zugleich auf allen Stühlen.“

Nun ist die Krisis in einem Krankheitsverlauf genau dieser Kulminationspunkt.
    In der Antike versuchte der Arzt sogar, so eine Krise des Sowohl-als-Auch mit seinen (damals noch begrenzten) Mitteln zu provozieren, bis zum Siedepunkt zu steigern, damit sie – meistens in Form einer Fieberkurve – zur Entscheidung über Genesung oder Hinscheiden führe. Hippokrates (epidemiarum, I 25) etwa sagt: „Jede dieser Fieberformen hat ihre besondere Weise, ihren Verlauf und ihre Steigerungen. Zum Beispiel das anhaltende Fieber: bei einigen flammt es gleich zu Beginn auf und hält seine Höhe und führt in die Gefahr, aber unmittelbar vor der Krise und zugleich mit ihr wird sie schwächer. Bei einigen beginnt es weich und versteckt, dann nimmt es immer mehr zu und erreicht jeden Tag eine Spitze; gegen die Krise hin aber flammt es aufs stärkste auf.“

Früher – vor langer Zeit - gab es einen Wertekanon, da war das Scheiden von guter und schlechter Literatur in Form von Kritik noch relativ einfach. Obwohl es literarische Kritik an der Überlieferung bereits im lateinischen Mittelalter schon gab – spätestens mit der Reformation entlässt die Zeit dann ihre Lehrmeister, ihre  Schulautoren, und damit schwindet auch allmählich der feststehende Kanon einer europäischen Tradition.

Doch die bürgerliche Kritik hatte noch für lange relativ feste Grundsätze. Der englische Romantiker Coleridge zum Beispiel bewertet als Literaturkritiker, der er auch war, nach Musikalität und Sinnhaftigkeit ein Gedicht. Ein nicht musikalisches lese er gar nicht weiter. Er sagt, die Kunst erhalte ihre Stellung als „Vermittlerin und Versöhnerin von Natur und Mensch“, als „Vereinigung und Versöhnung dessen, was Natur ist mit dem, was ausschließlich menschlich ist“. Er urteilt – gemäß der Romantik – nach der Überhöhung der Kunst zur Metaphysik. Ein bisschen davon steckt noch heute in der englischen Lyrik (bei Burnside, Sweeney usf.)

Die Zeiten haben sich aber geändert, so dass Jackson in seiner Einführungsrede für die Workshops der Akademie für Lyrikkritik einen eher postmodernen, schwankenden (oder sagen wir inklusiven) Tenor des argumentativen Denkens einschlägt und der Kritik eine Krise ihrer selbst attestiert und der Literatur, speziell der Lyrik, die Schlussfolgerungen aus der Heisenberg‘schen Unschärferelation anempfiehlt, damit sie nicht im Strudel von Unachtsamkeiten bei gleichzeitiger Dauerbespiegelung in Kraftlosigkeit versinkt:

„Das Urteil trennt und scheidet nicht nur das Gute vom Schlechten, es schnippelt auch das vermeintlich homogene Werk in Verdauliches, in kleine Bedeutungseinheiten, -Zwiefaches, bringt Zwiespalte hinein, treibt den Keil in das Werk und setzt Zweifel an, kokelt, bis das Gericht angerichtet ist: Essbar in höchstens 10 Minuten und dem Geschmacksurteil anheimgegeben.“
 
Kritik befinde sich heute, auch in ihrer Selbstreflektion, „in der Bedrouille“ – aber diese Krise sei auch eine „Chance auf Erneuerung“. Damit hofft er auf das Aufflammen fiebriger Kurven für einen anhaltenden Diskurs.

Kristian Kühn, 1. Oktober 2018
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