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14 Pinselnotizen - 9

14 Pinselnotizen
Foto: Rotraud Weiss
14 Pinselnotizen
aus dem Yue wei caotang biji
("aus der Strohhütte der Betrachtung des Unscheinbaren”)

des Ji Yun (Ji Xiaolan, 1724-1805).
Übersetzung: Rupprecht Mayer

9)

Herr Zhang Lingyu aus Wuqiang ist aus der Prüfung des Jahres dingyou der Kangxi-Periode (1717) als juren hervorgegangen; er ist der Schwiegervater von Liu Jingnan. Nach seinem Bericht hatte einmal ein Amtsanwärter eine Konkubine aufgenommen, deren Brautpreis sehr niedrig war. Es hiess nur, ihre Mutter würde besonders an ihr hängen, sie könne fünfzehn Tage im Monat im Hause des Amtsanwärters leben, fünfzehn Tage würde sie jedoch zu ihrer Familie zurückkehren. Wegen ihrer Schönheit und ihres günstigen Preises stimmte der Amtsanwärter widerwillig zu. Später nahm sich ein weiterer Amtsanwärter ebenfalls eine Konkubine, für die die gleiche Vereinbarung getroffen wurde. Ursprünglich war jener nicht dazu bereit, doch dann wurde ihm der Fall des anderen Amtsanwärters als Beispiel genannt, und auch er stimmte widerstrebend zu, nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, dass es stimmte. Die beiden Männer waren Jahrgangskollegen, und als sie eines Tages auf diese Sache zu sprechen kamen, wurde der erste Amtsanwärter nachdenklich, und er fragte: Kehrt Euer Liebling in der ersten Monatshälfte nach Hause zurück, oder in der zweiten? Die Antwort war: In der zweiten. Da fiel es dem ersten Amtsanwärter wie Schuppen von den Augen, er führte den anderen in die inneren Gemächer, damit er sie sehen konnte, und es war tatsächlich ein und dieselbe Person. Man hatte bei ihrem ersten Verkauf also bewusst Spielraum für einen zweiten Verkauf gelassen. Herr Zhang ist ein ehrlicher Mann, und ich denke, dass er bestimmt nichts Falsches berichtet hat. Doch die Familien in der Hauptstadt, die Mädchen verkaufen, arbeiten zwar mit allen möglichen Vorspiegelungen, doch ihr Betrug hat doch immer Methode, so dass ihre Tricks nicht schon nach kurzer Zeit auffliegen. Dass aber eine Frau jeden Monat zu einem festgelegten Datum zu ihrer Familie zurückkehrt ist schon nicht sehr plausibel, und dass sie zwischen zwei Haushalten hin- und herwechselt – wie sollte das unbemerkt bleiben? Die Sache ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Raffinierte Übeltäter würden mit Sicherheit nicht auf so etwas kommen. Vielleicht wurde die Sache falsch überliefert, und Herr Zhang hat sich verhört? Doch bei der „Betrachtung der Blüten auf den Wegen vor der Hauptstadt“ gerät man schnell in die Irre. Wenn einer diese Geschichte erfunden hat, so hatte er doch eine gewisse Basis dafür.
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